Kölner Stadtarchiv liegt in Trümmern


Köln (rd.de) – Ein heller, sonniger Tag in der Kölner Severinsstraße. Doch gegen 14 Uhr zerreißt ein ungeheurer Knall die Luft. Das historische Stadtarchiv, ein großes sechsgeschossiges Gebäude, kippt nach vorne weg und hinterlässt eine Trümmerwüste.

Den Einsatzkräften der Feuerwache 1, die nicht mehr als 500 Meter entfernt liegt, bot sich ein Bild wie nach einem Erdbeben. Ein Trümmerfeld, etwa sechs Meter hoch, bedeckt eine Fläche von 50 x 70 Metern. Eine lebendige Straße mit Wohn- und Geschäftsgebäuden in der Kölner Südstadt. Wie viele Personen mögen unter dem Schutt begraben sein?

Die Feuerwehr löst Großalarm aus: „Wir haben hier 250 Kräfte im Einsatz“, erklärt Feuerwehrdirektor Stefan Neuhoff, und mit der Mannschaftsstärke will man wohl auch in der Nacht auf Mittwoch durcharbeiten. Am Dienstagnachmittag ging man noch davon aus, dass bis zu 9 Personen unter den Trümmern liegen könnten. Inzwischen vermutet man nur noch drei Personen im Berg von Schutt und Betonteilen, doch ganz sicher wissen wird man das wohl erst, wenn der letzte Stein beiseite geräumt wurde.

Unheimliche Geräusche kündigten Einsturz an

Die Mitarbeiter des Stadtarchivs, zwei Dachdecker und auch Besucher konnten sich dank bedrohlicher Geräusche, die die Katastrophe ankündigten, noch rechtzeitig ins Freie retten. Die geschockten Mitarbeiter des Archivs wurden von Betreuungseinheiten versorgt, eine Person wurde vorsorglich in stationäre Behandlung gebracht.

Als das Stadtarchiv einstürzte, riss es zwei angrenzende Wohnhäuser mit nieder. Die Rettungsarbeiten konzentrieren sich dabei auf das links angrenzende Gebäude mit der Hausnummer 230. Dort, im Erdgeschoss, gab es eine Spielhalle und ein Ehepaar soll sich zum Unfallzeitpunkt in dem Gebäude aufgehalten haben. Die zwischenzeitlich eingesetzten Suchhunde des DRK schlugen jedenfalls an.

In den ersten Stunden des Einsatzes waren neben den 250 Feuerwehrleuten 20 Rettungswagen aller Hilfsorganisationen und sieben Notärzte, inklusive beider Rettungshubschrauber (Christoph 3 und Christoph Rheinland), in der Nähe des Einsatzortes postiert. Doch die Hoffnung auf eine rasche Bergung machte schnell der Ernüchterung Platz. Selbst gegen 20 Uhr konnte von aktiven Bergungsmaßnahmen noch gar keine Rede sein. Der sichere Zugang zum Trümmerfeld ist nur aus einer Richtung möglich und schweres Gerät ließ sich bis in die Abendstunden gar nicht zum Einsatz bringen.

Die Unfallursache wird zum Hemmschuh der Rettung

Nach bisherigen Erkenntnissen ist dem Gebäude scheinbar das Erdreich unter der Fundament entzogen worden. Dafür spricht, so der Kölner Feuerwehrchef Neuhoff, dass an einer bis in 28 Meter Tiefe reichenden Baugrube, die unmittelbar vor dem Gebäude liegt, eine Erdreicheinschüttung zu erkennen ist. Daher ist zu vermuten, dass der Boden unter den Archiv nachgab, was die Kippbewegung des Gebäudes auch erklären würde. Diese Baugrube steht im Zusammenhang mit dem pannenreichen Kölner U-Bahn-Bau. Im Bereich des Stadtarchivs befindet sich eine halbfertige, unterirdische Gleiswechselanlage.

Diese Ursachenvermutung stellt die Retter nun auf eine schlimme Geduldsprobe: „Im Grunde können wir nur von hinten, über einen Schulhof, an das Trümmergelände heran“, stellt Feuerwehrdirektor Neuhoff enttäuscht fest. Wegen der fraglichen Tragfähigkeit des Untergrundes kommt ein Einsatz von schwerem Räum- oder Abrissgeräten nicht in Frage. Doch um den Bergungsexperten ein sicheres Arbeiten zu ermöglichen, müsste der verkantete Dachgiebel der Hausnummer 230 vorsichtig vom Nachbarhaus 232 abgetrennt werden.

Betonmischer statt Rettungswagen

Für all diese Maßnahmen braucht man jedoch einen stabilen Untergrund. Ein weiteres Risiko ist der Komplettausfall der Grundwasserpumpen. Das Grundwasser drückt von unten auf die unterirdische Gleiswechselanlage und bringt weitere statische Unsicherheiten.

Deshalb dominieren nicht etwa die Rettungs- und Bergungsspezialisten die Szenerie am Unglücksort, sondern eine nicht enden wollende Karawane von Betonmischern. Fachleute wollen über die Baugrube den Gleiswechsler mit Beton vollpumpen, um genügend Gewicht auszuüben und ein Aufschwimmen des unterirdischen Bauwerks zu verhindern. Mit rund 1.000 Kubikmetern Beton will man Stabilität schaffen. Dafür werden gut 100 Betonmischerladungen gebraucht. Selbst wenn das Vorhaben Erfolg haben sollte, es kostet wenigstens 20 Stunden Zeit. Möglicherweise zu viel Zeit für die Verschütteten. Das eingestürzte Wohnhaus Severinsstraße 230 bestand aus Ziegelsteinen mit Holzböden. Eine Konstruktion, die ein dichtes Schüttwerk erzeugt und deshalb wenig Hohlräume bietet, was die Rettungsaussichten zusätzlich verschlechtert.

Untätig sind die Kölner Retter und Krankentransporteure dennoch nicht. In unmittelbarer Nähe steht ein 30 Meter hoher Baukran, mit einem 45 Meter langen Ausleger. Auch hier kann nicht klar beantwortet werden, ob der Kran auf sicherem Grund steht. Geriete der Kran in Bewegung, könnte er quer über die Severinsstraße fallen. In seinem Fallbereich liegt auch das Seniorenheim „An St. Georg“, dass einzige am Dienstagabend noch bewohnte Gebäude in einem 150-Meter-Radius um den Unglücksort. In den Abendstunden sollte die Evakuierung des Altenheims anlaufen.

Einsatzende in drei Tagen?

In der Nacht werden die bereit gehaltenen Kräfte des THW prüfen, welche Gebäudestützmaßnahmen sich durchführen lassen. Die Bereitstellung rettungsdienstlicher Kapazitäten in der Nacht wird sich – nach Angaben von Mitarbeitern der Feuerwehreinsatzleitung – auf die Eigensicherung der eingesetzten Kräfte beschränken. Mit einem Einsatzende ist ohnehin erst in zwei bis drei Tagen zu rechnen.

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