Übung auf 18 Stromkilometern


(Foto: BRK)Schönau (BRK/ml) – Bei einem angenommenen Raftingunfall mit acht verletzten und vermissten Wassersportlern haben am Samstagvormittag Einsatzkräfte der BRK-Wasserwacht und der Freiwilligen Feuerwehren an der Königsseer und Berchtesgadener Ache ihr Zusammenspiel für einen komplexen Such- und Rettungseinsatz geübt.

Ihr größter Feind dabei war die Zeit, denn mit der hohen Fließgeschwindigkeit dehnte sich der Einsatzbereich für die Suche nach den Abgetriebenen innerhalb weniger Minuten auf einen viele Kilometer langen Flussabschnitt aus. Vom Königssee bis zur Grenze nach Marktschellenberg war auf einer Länge von 18 Kilometern zweieinhalb Stunden lang ein Großaufgebot an Einsatzkräften gefordert.

Puppen aus Kanistern und Holz

Nebelschwaden ziehen die Hänge zum Jenner und Grünstein hinauf und geben den Blick auf den frühherbstlich bunt gefärbten Waldstreifen frei, durch den sich die Königsseer Ache malerisch in Richtung Berchtesgaden schlängelt. Am Campingplatz unterhalb der Grundbrücke hört man die laute Stimme von Kreis-Wasserwacht-Chef Rudi Schierghofer, der den wartenden Übungsbeobachtern schildert, was gleich passieren wird: „Die Abgetriebenen sind im Wildwasser mehreren Gefahren ausgesetzt: Sie kühlen schnell aus, werden gegen Hindernisse gedrückt, verletzen sich, verlieren das Bewusstsein und drohen zu ertrinken. Deshalb setzen wir an den gefährlichen Stellen keine echten Menschen als Mimen ein, sondern nehmen Puppen aus Kanistern und Holz!“ Bürgermeister Franz Rasp ist mit beiden Kindern da und steht mit Wasserwacht-Urgestein Alfons Kandler, Rotkreuz-Geschäftsführer Tobias Kurz, Peter Dengler von den BRK-Bereitschaften sowie Vertretern der Österreichischen Wasserrettung und der Wasserwacht Oberbayern im Halbkreis am Flussufer. Gegen 10 Uhr piept und vibriert es plötzlich in den Hosentaschen; die Integrierte Leitstelle hat die Funkmeldeempfänger ausgelöst: „Übungsalarm: Raftingunfall mit mehreren Personen in der Königsseer Ache!“ Und schon geht’s los: Nach nur wenigen Minuten trifft das erste Fahrzeug der Feuerwehr Königssee ein und zeitversetzt rücken nach und nach weitere Einheiten an, ganz wie in Wirklichkeit.

Kein Kinn zur Maskenbeatmung

Bereits auf der Anfahrt haben sie sich in Schale geworfen: In voller Montur springen die Wasserretter mit kompletter Schutzausrüstung aus dem Fahrzeug, blasen per Druckluftflasche ihr Schlauchboot auf, setzen ein und suchen flussabwärts; die Abläufe wirken routiniert und ruhig – trotzdem geht alles blitzschnell. Der Wasserstand ist in diesen Tagen naturbedingt eigentlich sehr niedrig; die Schifffahrt Königssee hatte nach Absprache zuvor extra die Schleusen entsprechend weiter geöffnet, so dass sich nun für eine Übung ausreichend viel Wildwasser seinen Weg nach Berchtesgaden und Marktschellenberg sucht. Am Ufer einer winzigen Insel vor dem Campingplatz liegt die erste Puppe: „Übung“ steht auf einem großen weißen Schild, das besorgte Spaziergänger davon abhalten soll, einen Notruf abzusetzen oder sich gar ins kalte Wasser zu stürzen – das Vorbereitungsteam hat aus Erfahrung für alle Fälle vorgesorgt. Alle packen mit an, laden die durchnässte Puppe ins Boot und retten sie ans Ufer. „Kreislaufstillstand, Wiederbelebung!“ Umringt von den Beobachtern zeigen die Einsatzkräfte, dass sie neben der technischen Rettung auch in Notfallmedizin fit sind. Peter Tronicsek muss bei der Maskenbeatmung improvisieren, da der Holzkopf der Puppe überhaupt kein Kinn hat; aber so ist das halt bei einer Übung.

Kaum überschaubar: Sucheinsatz über 18 Kilometer

Weitere sieben Puppen treiben flussabwärts oder liegen irgendwo am 18 Kilometer langen Ufer; für die Beobachter kaum überschaubar passiert im weiteren Verlauf vieles gleichzeitig: Während die Feuerwehren Königssee, Schönau, Berchtesgaden und Marktschellenberg vom Festland aus suchen und die vielen Brücken besetzen, um Ausschau (Foto: BRK)nach den treibenden Kanisterpuppen zu halten, setzen die Wasserwachten Bad Reichenhall, Berchtesgaden und Freilassing-Ainring weitere Boote ein und bereiten Wasserretter für den Einsatz in der Strömung vor. Für die Führung der Wehren ist der Grenzbereich wichtig: Wie weit kann die Feuerwehr gehen, ohne ihre Einsatzkräfte in Gefahr zu bringen? „Wir haben wesentlich mehr Leute als die Wasserwacht, können Posten auf Brücken und am Ufer sehr schnell besetzen und den Wasserrettern wertvolle Hinweise geben. Bergungs- und Rettungsaufgaben sind für uns aber nur im unmittelbaren Uferbereich möglich. Wir könnten uns im Wasser zwar sichern, haben aber keine Schnellöffnungssysteme und die Gefahr wäre zu groß, dass jemand in der Strömung unter Wasser gedrückt wird“, erklärt Kreisbrandmeister Erich Güll, der die Übung mit ausgearbeitet hat und jetzt als Schiedsrichter genüsslich an seiner Tabakpfeife zieht. Für die Wasserwachten und die Tauchergruppe der Reichenhaller Feuerwehr geht der Einsatz im Wasser aber erst richtig los: Sie sind speziell ausgebildet und ausgerüstet, um im Ernstfall auch Menschen aus reißender Strömung zu retten.

Mit jeder Minute sinkt die Überlebenschance

Aus dem Rettungseinsatz wird schnell eine komplexe Vermisstensuche unter Zeitdruck. „Für die brauchen wir jede Menge Leute, denn mit jeder Minute sinkt die Überlebenschance im kalten Wasser“, weiß Martin Planegger, der heute den „Einsatzleiter Wasserrettungsdienst“ spielen darf. Die Integrierte Leitstelle alarmiert im Ernstfall neben der Wasserwacht auch die zuständigen Ortsfeuerwehren und bei Möglichkeit einen Hubschrauber, der die Suche aus der Luft unterstützt. Planegger: „Den Heli haben wir heute nicht, aber wir üben einen gemeinsam koordinierten Einsatz mit den Feuerwehren. Wir müssen Hand in Hand zusammenarbeiten, damit bei einem echten Notfall keine lebensrettende Zeit verloren geht.“ Überall am Ufer der Ache wuselt es: Einsatzfahrzeuge, Feuerwehrleute, Wasserretter, Boote und Schaulustige. Planegger muss sich im scheinbaren Durcheinander möglichst rasch einen genauen Überblick verschaffen und die alarmierten Kräfte optimal auf dem 18 Kilometer langen Flussabschnitt verteilen. Die jeweiligen Leiter der einzelnen Abschnitte informieren ihn dann weiter, was in ihrem Bereich so alles passiert. „Klingt theoretisch recht einfach, ist in der Praxis aber lageabhängig oft ganz schön schwierig“, weiß der Einsatzleiter aus Erfahrung.

Unmengen an Informationen gleichzeitig

„Unser Hauptaugenmerk ist die rasche Bildung einer organisationsübergreifenden Gesamteinsatzleitung, die alle eingesetzten Einheiten bestmöglich koordiniert. Ohne die entsprechende Führung entwickelt sich eine zu große Eigendynamik und die Kräfte arbeiten womöglich aneinander vorbei“, erklärt Franz Kurz, der Technische Leiter der Berchtesgadener Wasserwacht, der die Übung zusammen mit Christian Standl und Holger Krinke von den Wasserwachten Bad Reichenhall und Freilassing-Ainring ausgearbeitet hat. Auf dem Salinenplatz bauen die Feuerwehr- und Rotkreuz-Teams der Unterstützungsgruppen „Örtliche Einsatzleitung“ und „Sanitätseinsatzleitung“ eine Wagenburg mit jeder Menge Technik auf. „Wasserwacht Berchtesgadener Land 2/3 für Wasserwacht Berchtesgaden 10: Bewusstlose Person auf der Insel am Gymnasium gesichtet – Kater BGL 12/1 für Florian Reichenhall 91/1: Brücke ist besetzt!“ Aus den verschiedenen Funkgeräten und über mehrere Kanäle strömen gleichzeitig Unmengen an Informationen zusammen, die die Führungsassistenten dokumentieren, filtern, aufbereiten und weiterleiten müssen, damit der Einsatzleiter dann die richtigen Entscheidungen treffen kann. Kurz: „Wir haben uns im Vorfeld sehr viele Gedanken gemacht, wie wir die Übung so gestalten können, dass möglichst viele Einsatzgruppen aktiv teilnehmen können und auch einen entsprechenden Erfolg haben. Erreicht haben wir das, indem wir die Puppen auf mehreren Plätzen verteilt sowie die Kanister entlang des gesamten 18 Kilometer langen Flusslaufs gewassert haben.“

Alle unter einem Hut

Die Beobachter sehen im weiteren Verlauf nur teilweise, wie die restlichen Puppen vom Ufer oder von Booten aus gefunden und von den Wasserrettern an Land gerettet werden – zu ausgedehnt ist der Einsatzbereich und zu viele Einheiten arbeiten gleichzeitig. Gegen 12.30 Uhr ist Schluss; alle Vermissten sind gefunden und an den Landrettungsdienst übergeben. Franz Kurz und sein Kollege von der Feuerwehr, Kreisbrandinspektor Stefan Pfnür sparen dafür bei der Nachbesprechung nicht mit Lob. Kurz: „Wir hatten geographisch bedingte Funkprobleme, die wir aber technisch für zukünftige Einsätze lösen können. Über die Funkkanäle hinweg haben sich Wasserwacht und Feuerwehr heute die ganze Zeit über abgesprochen. Alle waren unter einem gemeinsamen Hut und die Zusammenarbeit hat super funktioniert. Eine lehrreiche Übung – ich bin begeistert!“

Der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung hat die Wasserwacht im Bayerischen Roten Kreuz (BRK) auf der Grundlage des Bayerischen Rettungsdienstgesetzes mit der Durchführung der Wasserrettung im Landkreis beauftragt: Sie sorgt mit Wachstationen an Seen und in Schwimmbädern sowie drei mobilen und einer stationären Schnell-Einsatz-Gruppe (SEG) für die notwendige Sicherheit an den heimischen Gewässern, wobei die Ehrenamtlichen auch immer wieder zu Einsätzen an die vielen Gebirgsbäche und Flüsse gerufen werden, die niederschlagsabhängig gewaltige Wassermassen mit sich führen. „Entsprechende Sicherheitsvorkehrungen und Übungen wie heute helfen uns im Ernstfall, das Risiko für alle Beteiligten in der Strömung zu minimieren“, erklärt Schierghofer.

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