DGINA: Kursänderung in der deutschen Notfallmedizin


Berlin (pm) – In Notaufnahmen deutscher Kliniken arbeiten bisher keine eigens auf den Notfall ausgerichteten Fachärzte. Das kann zu medizinisch gefährlichen und wirtschaftlich ungünstigen Umwegen in der Behandlung führen, warnt die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA). 15 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben vorgebeugt: Sie haben die Notfallmedizin inzwischen zu einem eigenständigen Fachgebiet erklärt. Warum auch Deutschland einen „Facharzt für Notfallmedizin“ braucht, um Patienten optimal zu versorgen und international wettbewerbsfähig zu bleiben, erklären Experten anlässlich der 7. Jahrestagung der DGINA in Berlin.  

Patienten in deutschen Notaufnahmen werden derzeit nicht von Fachärzten für das notfallmedizinische Fachgebiet behandelt. „Denn was die Professionalisierung der Notfallmedizin betrifft, ist Deutschland ein Entwicklungsland“, kritisiert Chefärztin Dr. Barbara Hogan aus der zentralen Notaufnahme der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona. Sie ist die gewählte künftige Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Notfallmedizin (EuSEM), die sich für die höchste Qualität in der Notfallversorgung einsetzt. Um diese sicherzustellen, hält es die EuSEM wie auch die DGINA für erforderlich, Mediziner zu Fachärzten für Notfallmedizin auszubilden. „Nur so kann sowohl eine medizinisch als auch ökonomisch effektive Versorgung in den ersten kritischen Minuten eines Notfalls garantiert werden“, erklärt Hogan.

Im Jahr 2010 haben etwa 21 Millionen Menschen eine Notaufnahme aufgesucht – etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung. „Schnelles und symptomorientiertes Arbeiten muss in Anbetracht steigender Patientenzahlen sowie der zeitkritischen Situation einer organbezogenen Behandlung vorgeschaltet sein“, weiß DGINA-Präsident Professor Dr. Christoph Dodt. „Diese Aufgabe erfordert rasche Entscheidungen und damit hohe medizinische Kompetenz sowie ein enges Zusammenspiel aller an der Notfallmedizin beteiligten Berufsgruppen.“

Mit einer fünfjährigen fachärztlichen Qualifikation zum „Facharzt für Notfallmedizin“, der dann auch europaweit anerkannt wird, erwarten die Experten eine deutliche Qualitätssteigerung der Notfallversorgung in Krankenhäusern. „Die ärztliche Kunst in der Notaufnahme besteht in der raschen Zuordnung unklarer Symptome zu Krankheiten und der unverzüglichen Einleitung erforderlicher Therapien. Wir fordern, dass in Deutschland eine international gleichwertige eigenständige Ausbildung in der Notfallmedizin stattfindet, die dafür sorgt, dass die Qualität der Notfallversorgung internationalen Standards genügt“, so Dodt. Eine deutschlandweite Orientierung hin zur Spezialisierung in der Notfallmedizin käme den Patienten unmittelbar zu Gute.

Dies haben viele anderer Länder in der Vergangenheit bereits umgesetzt: Laut einer Untersuchung der Internationalen Föderation für Notfallmedizin (IFEM) ist in den vergangenen 45 Jahren weltweit die Zahl jener Länder massiv gestiegen, die die Spezialisierung in Notfallmedizin als eigenständiges Fachgebiet anerkannt haben. Innerhalb der EU wird die Notfallmedizin derzeit von 15 Mitgliedstaaten als unabhängiges Fachgebiet akzeptiert. Weitere Länder wollen im Jahr 2013 folgen.

(Foto: Techniker Krankenkasse)

2 Responses to “DGINA: Kursänderung in der deutschen Notfallmedizin”

  1. Rainer Dörpfeld via Facebook on September 13th, 2012 11:51

    überfällig

  2. Jörn on September 13th, 2012 22:20

    Solange sich die einzelnen Fachgesellschaften in erster Linie nur als Lobbyisten/Interessenvertreter ihrer jeweiligen Fachrichtung sehen, solange wird es in der Bundesrepublik Deutschland keinen fächerverbindenen/fachübergreifenden „Facharzt für Notfallmedizin“ geben. Und dass in der Europäischen Union bereits 15 (in Worten: fünfzehn) Staaten dieses Fachgebiet als eigenständig und unabhängig sehen, ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass wir in Deutschland wieder einmal eine Entwicklung verschlafen haben. Eine andere war und ist immer noch die bundesweite und flächendeckende Einführung des Digitalfunks. Unsere Politiker und auch die Standesvertreter haben es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, nur noch ihre Besitzstände bzw. jene ihrer Auftraggeber zu wahren – getreu dem Motto „Partikularinteressen gehen VOR Gemeinwohlorientierung“.

    Der 7. Jahrestagung der DGINA wünsche ich einen erfolgreichen Verlauf, anregende Diskussionen und zuhörende (und verstehende) Gäste aus der Bundes- und Landespolitik.

    Abendliche Grüße aus dem Südwesten nach BÄRlin

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