Automatische Notrufe könnten Leitstellen irritieren


Notrufeinrichtung Volvo On Call (Foto: Volvo)Bonn (rd.de) – Weil die EU-Initiative zur verbindlichen Einführung des automatischen eCall-Systems auf der Stelle tritt, preschen Autohersteller mit eigenen Lösungen vor. Was nun blüht, sind Servicecenter, die Notrufe weiterleiten, und Computerstimmen, die dem Disponenten Geokoordinaten diktieren.

Die EU-Initiative eCall kommt nicht recht voran. Noch haben nicht alle EU-Mitgliedsländer die Verpflichtungserklärung unterschrieben. Seit Jahren kämpft die Europäische Kommission um eine verpflichtende Einführung des eCalls. Hinter den System steckt ein Notrufknopf im Fahrzeug, aber auch eine automatische Auslöseeinrichtung. Das System übergibt einen Datensatz an die Leitstelle. In diesem Datensatz sind Positionsangaben und eine Beschreibung der Aufprallschwere enthalten. Danach wird eine Sprechverbindung mit dem Fahrzeuginnenraum hergestellt.

Gelingt es der EU nicht, den eCall im Rahmen der Selbstverpflichtung flächendeckend einzuführen, droht die Kommission mit gesetzgeberischen Maßnahmen. Vor 2014 ist an den serienmäßigen eCall in allen Neufahrzeugen nicht zu denken.

Herstellerspezifische Lösungen

Etliche Fahrzeughersteller, zum Beispiel BMW, Mercedes, Peugeot und Volvo, bieten längst eigene Fahrzeugnotrufsysteme an. Hier werden die Crashdaten von einem Servicecenter an die zuständige Leitstelle übermittelt. Bei Ford wird es mit der neuen Focus-Modellreihe eine weitere Variante geben, die auf den Namen SYNC hört. Das Auto ruft europaweit automatisch die 112 an und übermittelt die Unfalldaten in der jeweiligen Landessprache an die Rettungsleitstelle.

Bei einem Unfall stellt das SYNC-System von Ford die genaue Position des Fahrzeugs fest, indem es die GPS-Koordinaten und das Kartenmaterial des eingebauten Navigationssystems mit den Informationen des angeschlossenen Mobiltelefons abgleicht. Anschließend stellt SYNC eine Verbindung zur örtlichen Notrufzentrale her und informiert die Rettungsleitstelle in der jeweiligen Landessprache über den Unfall und den exakten Unfallort.

An den Leitstellen vorbei entwickelt

Problematisch ist allerdings, dass den Leitstellen, die mit vielfältigen automatisierten Notrufen konfrontiert werden, keine hinreichenden Informationen zur Verfügung stehen.

Auf Nachfragen nach dem Stand der Vorbereitungen zur Verarbeitung von automatischen Notrufen oder den Datenprotokollen des eCall reagierten viele Leitstellenleiter hörbar verunsichert. Den einzelnen Leitstellen liegen seitens der Automobilhersteller kaum

Der Advenced eCall ist Teil des BMW-Assist-Pakets (Foto: BMW)

eCall-Taste in einem BMW-Fahrzeug (Foto: BMW)

Informationen über automatische Notrufsysteme vor. „Wir wurden über automatisierte Fahrzeugnotrufsysteme bislang nicht unterrichtet“, räumt zum Beispiel Frank Baumann, Leiter der Leitstelle beim DRK in Ulm (Baden-Württemberg), ein.

DRK-Landesgeschäftsführer Hans Heinz bestätigte gegenüber www.rettungsdienst.de die insgesamt dürftige Informationslage zum Thema Fahrzeugnotrufsysteme: „Vor zwei Jahren haben wir uns bereits zum Thema eCall ratsuchend an das zuständige Ministerium gewandt, sind dort aber höflich vertröstet worden“, erläutert Heinz.

Auch die Automobilhersteller seien mit ihren Informationen sparsam: Dem DRK in Baden-Württemberg liegen keine Informationen der Automobilhersteller über die eingesetzten Notrufsystemen vor. „Wir werden Ihre Anfrage jetzt zum Anlass nehmen, bei unserem Stuttgarter Automobilhersteller um Informationen zu Fahrzeugnotruf nachzusuchen“, nimmt der DRK-Landesverband in Stuttgart die Recherchen von www.rettungsdienst.de jetzt zum Anlass, in der Sache selbst aktiv zu werden.

Auch beim schon länger bekannten eCall der Europäischen Union sind noch viele Fragen offen. Obwohl die technische Entwicklung als abgeschlossen gilt, steht die notwendige Technik zur Ertüchtigung der Leitstellen um das Datenprotokoll auslesen zu können, noch nicht auf der Tagesordnung.

Schnelle Reaktion auf Unfälle

Durch die sofortige Information über einen Unfall und die genaue Kenntnis des Unfallortes wird die Reaktionszeit der Rettungskräfte im ländlichen Raum um 50 Prozent und um 40 Prozent in Städten verringert. Studien der Europäischen Union gehen davon aus, dass eCall wegen der kürzeren Reaktionszeit jährlich bis zu 2.500 Leben retten könnte.

Automobilherstellern, die nicht auf Europa warten wollen, sollte man allerdings empfehlen, die Rettungsleitstellen über die Arbeitsweisen ihres jeweiligen Notrufsystems eingehend zu informieren. Andernfalls könnte ein Teil des Zeitgewinns durch die Irritation des Leitstellendisponenten wieder verloren gehen.

One Response to “Automatische Notrufe könnten Leitstellen irritieren”

  1. Lars Schmitz-Eggen on Mai 9th, 2011 16:08

    Die Ford Werke GmbH bittet als Reaktion auf unseren Beitrag um nachfolgende Ergänzungen bzw. Richtigstellungen, die wir hier unkommentiert veröffentlichen:

    Kernaussge 1: „Die Rettungsleitstellen sind in die Aktivitäten der Automobilhersteller (darunter Ford) nicht ausreichend eingebunden“.

    Ford hat insbesondere in Nordamerika dank seiner SYNC-Aktivitäten große und lange Erfahrung auf dem Gebiet der automatischen Notrufaktivierung (Einführung 12/2008, über zwei Millionen ausgestattete Fahrzeuge). Ford hat dabei von Anfang an die entsprechenden Organisationen und Behörden in die Entwicklung der Notrufaktivierung (in den USA die Nummer: 911) einbezogen, insbesondere die NENA (National Emergency Number Association). Außerdem wurden während der Entwicklungsphase Anforderungen direkt von den Notruf-Leitstellen eingeholt und entsprechende Tests realisiert.

    In Europa verfolgt Ford den gleichen Ansatz, das heißt: frühzeitige Einbeziehung der relevanten Organisationen und Behörden. So ist Ford dieses Jahr der EENA (European Emergency Number Association) mit Sitz in Brüssel beigetreten (Ford ist Advisory Board Member). Die EENA hat sich zum Ziel gesetzt, die “112” europaweit als Notrufnummer zu etablieren und versteht sich als Diskussionsplattform für alle Themen rund um die Notrufnummer und den Notrufservice.

    Darüber hinaus hat Ford das künftige, für Europa vorgesehene SYNC-Notrufsystem bereits in mehreren europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, UK, Spanien) Meinungsbildnern zum Beispiel auf Konferenzen und Tagungen, aber auch direkt vor Ort bei den Rettungsleitstellen, vorgestellt. Weitere Präsentationstermine sind vorgesehen. Außerdem hat es bereits gespräche Gespräche mit Vertretern der Europäischen Kommission gegeben.
    Die SYNC-Markteinführung (voraussichtlich zunächst im neuen Ford Focus) ist für 2012 geplant. Anders, als andere Automobilhersteller, wird bei der automatischen Notruf-Aktivierung durch SYNC in Europa nicht ein Servicecenter erreicht, sondern die europäische Notrufnummer 112.

    Kernaussage 2: „Die Rettungsleitstellen wissen nicht, wie die unterschiedlichen Systeme technisch funktionieren“

    In den USA hat Ford eigene Trainings-CDs entwickelt, die die Funktionsweise von SYNC (automatische Aktivierung der Notrufnummer) erläutern. In Europa wird Ford eigene Training-Homepages in den wichtigsten europäischen Sprachen – darunter Deutsch – aufbauen. Diese Homepages sollen noch dieses Jahr online gehen, also mehrere Monate vor Markteinführung von Emergency Assistance.

    Isfried Hennen
    Ford-Werke GmbH
    Leiter Produktkommunikation

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