„Reanimationsausbildung sollte für Laien gesetzliche Pflicht sein“

(Bild: Markus Brändli)Berlin (DIVI) – Jährlich erleiden in Deutschland mehr als 50.000 Menschen einen plötzlichen Herzstillstand. Und das außerhalb eines Krankenhauses. Nur zehn Prozent der Betroffenen überleben. Anlässlich des World Restart a Heart Day am heutigen Dienstag, 16. Oktober 2018, erinnert die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) an die Bedeutung der Laien-Reanimation. (Bild: michael wodak)Maßgeblich angeschoben hat diese Aktion Professor Bernd Böttiger (Foto re.), Präsidiumsmitglied der DIVI, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Uniklinikum Köln.

Herr Professor Böttiger, warum gibt es den World Restart a Heart Day am 16. Oktober?

Wir haben diesen Aktionstag ins Leben gerufen, weil wir noch deutlich mehr koordinierte Initiativen brauchen, um das so wichtige Thema der Laien-Reanimation voranzutreiben – weltweit. In Deutschland sind wir bereits auf einem guten Weg: Der Deutsche Rat für Wiederbelebung, die deutsche Anästhesiologie insgesamt, die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und viele andere Initiativen haben in den vergangenen Jahren erreicht, dass sich die Laien-Reanimationsquote verbessert hat.

Was heißt das in konkreten Zahlen?

Als wir vor fünf Jahren mit ersten Kampagnen starteten, lag die Quote der Laien-Reanimation in Deutschland unter 20 Prozent, mittlerweile sind wir bei etwa 40 Prozent. Unser Ziel für 2020 heißt 50 Prozent – das würde rund 10.000 gerettete Menschenleben zusätzlich pro Jahr in Deutschland bedeuten! Es gibt auch vorbildliche Regionen wie beispielsweise Skandinavien, wo die Laien-Reanimationsquote schon jetzt bei über 60 Prozent liegt.

Was versprechen Sie sich nun von einem weltweiten Aktionstag?

Wir etablieren mit diesem Tag einen Mechanismus, der uns am Ende des Jahres zeigen soll, wie viele Menschen nach den weltweiten Aktionen neu in der Laien-Reanimation trainiert wurden. Das wird alles genau erfasst. Wir haben in den vergangenen Wochen erstaunlich viel Zuspruch erhalten. So sind zum Beispiel Kollegen aus Indien an uns herangetreten: Sie wollen an diesem Aktionstag insgesamt eine Million Menschen trainieren. Ich gehe davon aus, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren positiv fortsetzen wird. Dafür benötigen wir Unterstützung aus der Wissenschaft und der medizinischen Praxis.

Sie haben zu diesem Aktionstag einen wissenschaftlichen Beitrag verfasst – was erfahren wir daraus?

Mit diesem Editorial wollen wir vor allem interessierte Mediziner erreichen, die unsere Ziele teilen und Aktionen unterstützen wollen. Der Beitrag enthält dafür alle grundlegenden Informationen: Zunächst einmal wird die Bedeutung der Aktion hervorgehoben, denn der plötzliche Herzstillstand ist die dritthäufigste Todesursache in den Industrieländern. Zudem wird veranschaulicht, dass Laien-Reanimation kinderleicht ist und von jedem Menschen geleistet werden kann. Alles, was man braucht, sind zwei Hände. Weiterführende Links zur Initiative runden den Beitrag ab.

Und wen wollen Sie mit dem Aktionstag konkret erreichen?

Alle Menschen! Wirklich. Die Laien wollen wir natürlich als Erstes erreichen, weil sie im Notfall die Zeit überbrücken können, bis der Rettungsdienst kommt. Natürlich wollen wir auch die Profis dafür begeistern, den Laien zu zeigen, wie kinderleicht Reanimation geht. Eine wichtige Zielgruppe sind auch Betriebe, vor allem die großen Konzerne. Hier haben wir bereits in der Vergangenheit kompakte und effektive Trainings vor Ort durchgeführt. Hier suchen wir noch mehr Interessierte, die mit positivem Beispiel vorausgehen. Natürlich strahlen diese Aktionen auch wieder in den privaten Bereich der Beschäftigten aus.

Welche Aktionen sind am erfolgversprechendsten?

Wir haben den 16. Oktober als Ankertag festgelegt, aber auch Aktionen davor und danach unter dem Schirm der Initiative vereinigt. Zum Beispiel die traditionelle Woche der Wiederbelebung Ende September in Deutschland. Das soll jedes Land so individuell gestalten, wie es vor Ort am besten umsetzbar ist. Für mich persönlich ist eine zentrale Säule die Schülerausbildung in Deutschland: Das sind zwei Stunden pro Jahr ab der 7. Klasse, die nachhaltig wirken. Wir unterstützen jede Schule, die ihre Schüler zur Lebensrettung ausbildet. Auch die Aktionen kleiner Einrichtungen sind sehr wichtig, weil sie uns schrittweise voranbringen.

Was können wir in Deutschland jetzt dazu beitragen?

Ich glaube, dass wir hierzulande auf ganz vielfältige Weise zu einem Erfolg der Aktion und damit zu einer besseren Reanimationsquote beitragen können. Das Thema muss auf die politische Agenda aller Regionen und auch des Bundes gesetzt werden. Die medizinischen Fachgesellschaften, insbesondere die Anästhesisten, werden einen Beitrag leisten, weil Wiederbelebung auch eine ihrer Kernkompetenzen ist. Vorbildlich ist auch die Schülerausbildung, denn sie kostet kaum etwas, macht viel Spaß und ist sehr nachhaltig. Deutschland ist eines von 23 europäischen Ländern, in denen diese Ausbildung eine gesetzliche Empfehlung ist. In Dänemark und vier weiteren europäischen Ländern ist die Schülerausbildung bereits gesetzlich verankert und damit verpflichtend und ein wichtiges Bürgerrecht. Auch in Deutschland sollte die Reanimationsausbildung für Laien gesetzliche Pflicht sein.

Wie kann Wiederbelebung in Deutschland gesetzlich verankert werden?

Wir müssen vor allem intensive Lobbyarbeit leisten. Das Thema Wiederbelebung ist wichtig, aber politisch kein Selbstläufer. Wir suchen den Kontakt zu den zuständigen Politikerinnen und Politikern. Der Kontakt zum Bundesgesundheitsministerium ist gut und wir planen gemeinsame Aktionen. Ich freue mich auch darüber, dass wir es in Nordrhein-Westfalen geschafft haben, das Thema in den Koalitionsvertrag zu bringen. Dennoch wundere ich mich, dass es in einigen Bundesländern sehr schwer ist, dieses so wichtige Thema durchzusetzen. Gewählte Politiker könnten mit sehr wenig Aufwand sehr viel Positives bewirken. Auch für sich selbst.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Nicht nur in Deutschland sondern weltweit könnte man selbst zu einer besseren Reanimationsquote beitragen, wenn man sich verstärkt einfachere und flexiblere Hausnotrufsysteme wie silentnet zulegen würde!

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