Experten diskutieren über Schlaganfall-RTWs


Foto: das bilderwerk, Uwe BellhäuserHamburg/Berlin (pm) – Ob und wann es sinnvoll ist, die Lyse bereits in speziell ausgerüsteten Rettungswagen durchzuführen, untersuchen Ärzte und Wissenschaftler derzeit im Rahmen zweier Forschungsprojekte. Das Thema ist ein Schwerpunkt der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) im Vorfeld der European Stroke Conference, die vom 24. – 27.Mai in Hamburg stattfinden wird.

Jährlich ereignen sich in Deutschland über 250000 Schlaganfälle. Nur durch eine umgehende Behandlung lassen sich Folgeschäden wie bleibende Behinderungen vermeiden. Die Thrombolyse ist die einzige zugelassene medikamentöse Therapie nach einem akuten Schlaganfall. Sie darf aber nur in den allerersten Stunden nach Auftreten der Symptome zum Einsatz kommen. Doch viele Betroffene erreichen die Klinik zu spät, um mit einer Thrombolyse behandelt werden zu können.

Bei einer Lysetherapie lösen Ärzte das Blutgerinnsel im Gehirn, das den Schlaganfall verursacht hat, medikamentös auf. „Wir können das Medikament aber nur innerhalb eines sehr kurzen Zeitfensters von maximal viereinhalb Stunden verabreichen. Je früher das passiert, desto wirksamer ist die Behandlung“, erklärt Professor Dr. med. Matthias Endres, Dritter Vorsitzender der DSG. Durch ein zu spätes Eintreffen in der Klinik können viele Patienten nicht behandelt werden. Wichtig ist daher, dass jeder die Warnsignale eines Schlaganfalles wie eine Halbseitenlähmung und plötzliche Seh- oder Sprachstörungen erkennt und weiß, wie darauf zu reagieren ist: „Ein Schlaganfall ist immer ein Notfall. Es muss umgehend der Rettungsdienst mit der Nummer 112 gerufen werden“, betont Endres, der die Klinik für Neurologie und das Centrum für Schlaganfall­forschung an der Charité – Universitätsmedizin Berlin leitet.

Ärzte erhoffen sich 30 Minuten Zeitgewinn

Ziel der Ärzte ist es zudem, die Zeit bis zum Behandlungsbeginn weiter zu verkürzen. Im Rahmen eines Forschungsansatzes untersuchen sie deshalb, inwieweit eine bereits im Rettungswagen durchgeführte Lyse sinnvoll ist. Voraussetzung hierfür ist, dass alle notwendigen Untersuchungen auch im Rettungswagen erfolgen können. So muss zum Beispiel ein Computertomograph (CT) vorhanden sein, der den Ausschluss einer Hirnblutung ermöglicht. Denn in einem solchen Fall darf eine Lyse nicht durchgeführt werden. Auch ein Minilabor für Blutuntersuchungen ist erforderlich. „Eine weitere Voraussetzung ist, dass ein Neurologe als Notarzt vor Ort ist. Außerdem muss die Befundung der CT-Bilder durch einen Radiologen mittels Telemedizin sichergestellt sein“, erklärt Endres.

Derzeit laufen in Deutschland zwei Projekte, die Möglichkeiten und Grenzen einer Lyse im Rettungswagen untersuchen: in Homburg/Saar und in Berlin. Es soll zunächst vor allem abgeklärt werden, ob sich auf diese Weise tatsächlich die Behandlungszeiten verkürzen lassen. „Die Hoffnung ist, dass wir insgesamt etwa 30 Minuten einsparen können, in denen sonst millionenfach Nervenzellen absterben“, erklärt Endres, der den Ansatz auch im Rahmen einer Pressekonferenz der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft am 24. Mai 2011 in Hamburg erörtern wird.

4 Responses to “Experten diskutieren über Schlaganfall-RTWs”

  1. Sepp Daxberger on Mai 19th, 2011 20:43

    Bei diesen Zeitvorgaben sind diese Sonder-RTW auf dem Land kontraproduktiv und in der Stadt unnötig. Deshalb rausgeschmissenes Geld.

  2. Sani0815 on Mai 19th, 2011 21:14

    Ich denke nicht, dass ein solches „Stroke-Mobil“ einen deutlichen Zeitgewinn bringt. Das Fahrzeug ist gross, schwer und langsam. Es benötigt mehr Zeit zum Notfallort als RTW+NEF, zudem kann es nicht im Hilfsfrist-Radius von z.B. 12 Minuten flächendeckend vorgehalten werden.

    Wesentlich sinnvoller finde ich es, die Abläufe präklinisch und klinisch zu optimieren.
    d.h. im RD:
    – schnellere Diagnose – auch ohne auf den Notarzt zu warten
    – ggf. Abweichen von NA-Indikationskatalog, um Zeit zu gewinnen
    – absolute Transportpriorität

    in der Klinik:
    – alle Kliniken mit CT gehören mit einbezogen (ggf. Telemedizin)
    – ständige CT-Bereitschaft 24/7 ohne Personal von Zuhause etc. holen zu müssen.
    – weiterer Ausbau sog. „Stroke-Units“ mit Akut- aber auch Nachversorgung eines Schlaganfalls

    Meine „Rekordzeiten“ in der Grosstadt liegen bei 30-40Min. AB ALARMIERUNG, d.h. der Patient ist 30-40 Minuten nach Alarmierung des RTW in einem für Schlaganfälle spezielisiertem KH. Kein Warten auf den NA (der hat schliesslich auch kein „Apoplexweg-forte“ im Koffer) , unproblematische Anmeldung „Stroke-Unit“ durch RTW-Besatzung. Das klappt in meinem RD-Bereich sehr gut. In der Klinik wartet der Neurologe schon „Gewehr bei Fuss“, kurze Übergabe, dann ab ins „vorgewärmte“ CT.

    Wenn die oben geschilderte „Kette“ reibungslos funktioniert, braucht man kein „Stroke-Mobil“. Auch bei längeren Fahrtwegen (in ländlichen Gebieten) ist so ein Mobil verzichtbar, denn es hat im ungünstigsten Fall genau den Anfahrtsweg, den der RTW vom Einsatzort in die spezialisierte Klinik hat. Und wenn man sich die Frage stellt „in 30 Min. ist das Stroke-Mobil da, aber in 30 Minuten bin ich auch in der Klinik“, dann macht das Stroke-Mobil keinen Sinn mehr – besser, man baut für dieses Geld das CT+Labor+Telemedizin in ein nahes, kleineres „Dorf-Krankenhaus“….

  3. charlie-zulu on Mai 20th, 2011 10:53

    Meiner Erfahrung nach sind gerade die Abläufe in der Klinik alles andere als gut. Es gibt natürlich auch Ausnahmen.

    Wie dem auch sei: Während man/wir draußen doch recht schnell auf besagte Diagnose stoßen und der Ablauf recht klar geregelt ist (Bei uns gibt es ein einheitliches und Kreisübergreifendes Ablaufschema für Apoplex. Stellt das RTW-Team die Diagnose, so muss kein NA nachalarmiert werden etc pp ), so treten die größten Zeitverzögerungen doch innerhalb der Klinik auf.

    Da ist plötzlich das CT belegt weil keine Absprache stattfand, andere schieben den Pat. erst mal seelenruhig auf den Flur, mal ist kein Arzt vorhanden,.. und und und.

    Wie oft denkt man sich da: „DIE Blaulichtfahrt hätte ich mir auch sparen können!“.

    🙁

  4. Steingrobe on Mai 21st, 2011 20:42

    Och kann meinen Vorrednern nur recht geben. Da die klinikstrukturen nicht in der Lage sind, die geforderte Effizienz zu erbringen will man es auf den Rettungsdienst umlasten. In Berlin ist die doof-to-lysis Time z.b. Im Virchow ca. 28 min. Diese effezienz kann ich durch ein solches fahrzeug nicht steigern. Ich postuliere genauso wie meine Vorredner: die klinikstruktur muss verbessert werden um
    Bessere doof-to-lysis Times zu erreichen. Die kosten die hier in einer Großstadt wie berlin erreicht werden, könnten in Personalkosten für die ERs umgelegt werden. MfG Steingrobe

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