Das Flugschau-Unglück von Ramstein – 20 Jahre danach


Ramstein (rd.de) – Auf den Tag genau vor 20 Jahren ereignete sich das Flugschau-Unglück in Ramstein. 70 Menschen sterben nach dem Absturz von drei italienischen Jets. Der Unfall von damals hatte weitreichende Konsequenzen für das Rettungswesen in Deutschland. Ein Rückblick.

28. August 1988, Tag der offenen Tür auf dem US-Militärflughafen Ramstein in der Pfalz. Rund 350.000 Menschen sind gekommen, um unter anderem den Vorführungen mehrerer Kunstflugstaffeln zuzusehen.

Den Auftakt machen die italienischen Piloten der „Frecce Tricolori“. Mit zehn Maschinen vom Typ Aer-macchi M.B. 339 Pan Jets beginnen sie um 15.30 Uhr ihre halbstündige Show.

Höhepunkt ihrer Demonstration ist eine Figur, die das „Durchbohrte Herz“ genannt wird. Hierbei quert ein einzelner Düsenjäger die Flugbahn der anderen Jets. Ein riskantes Flugmanöver in nur 75 bis 90 Meter Höhe.

15.35 Uhr: Der 38-jährige Oberstleutnant Ivo Nutarelli übernimmt den Part des Solisten. Er kann 3800 Flugstunden auf Militärjets nachweisen. Diesmal beendet er die Figur jedoch zu früh. Beim Versuch, seine Maschine über die Formation hinwegzuziehen, reißt er das linke Seitenleitwerk und die linke Tragfläche eines anderen Jets ab. Diese schwer beschädigte Maschine kollidiert wiederum mit einem dritten Flugzeug.

Das Unglück läuft im Bruchteil einer Sekunde ab. Ehe die staunenden Zuschauer am Boden begreifen können, was gerade passiert ist, schlagen die Trümmer der Maschinen ein. Es kommt zu Explosionen, und brennendes Kerosin rollt als haushohe Flammenwand auf die Besucher zu.

Die Leitung des Sanitäts- und Rettungsdienstes auf der US-Air-Base liegt bei den US-Amerikanern. Das DRK unterstützt die Streitkräfte in diesem Fall als privater Verein. Unter anderem stellt die Hilfsorganisation 216 Einsatzkräfte, eine mobile Erste-Hilfe-Station, zwei Notarzt-Einsatzfahrzeuge und vier KTW zur Verfügung. Die Verbindung zur Einsatzleitung der US-Militärs wird über eine US-Soldatin hergestellt.

Sofort nach dem Unglück informiert die DRK-Leitung vor Ort die deutsche Polizei und die zuständige Rettungsleitstelle in Kaiserslautern. Gleichzeitig werden die eigenen Helfer zum Schadensort beordert, um Erste Hilfe zu leisten. Das DRK richtet Verletztensammelstellen ein und versucht, sich einen Überblick zu verschaffen.

Die Verbindung zur Einsatzleitung der US-Amerikaner ist sofort zusammengebrochen. Das Funknetz ist überlastet, und eine Telefonleitung hat die US-Armee dem DRK nicht zur Verfügung gestellt. Die Helfer treffen auf viele Verletzte, die zum Teil auf dem Boden liegen oder in der Menge umherirren. Unter Schock stehende Zuschauer suchen ihre Angehörigen. Eine Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Ret-tungsdienst funktioniert nur ansatzweise.

Es gibt erhebliche Probleme bei der Koordinierung der Maßnahmen. Sie werden dadurch noch verstärkt, dass die Einsatzstelle sehr weitläufig ist, einige Verletzte nach dem „Load-and-Go“-Prinzip abtransportiert werden und verschiedene deutsche Rettungsdienste unaufgefordert zur Einsatzstelle kommen.

Besonders die unterschiedlichen Rettungskonzepte der deutschen und US-amerikanischen Helfer sorgen nach dem Unglück für Kritik. Für Aufsehen sorgt die Beförderung von 25 zum Teil schwer Verletzten in einem normalen Reisebus, der rund zwei Stunden nach dem Unfall im Städtischen Klinikum Ludwigshafen eintrifft. Darüber hinaus sollen Infusionsbestecke nicht kompatibel gewesen sein.

Den Vorwurf, es habe keine gemeinsamen Übungen im Vorfeld der Katastrophe gegeben, kann die beschuldigte Kreisverwaltung in Kaiserslautern widerlegen. Bei vier Übungen deutscher und US-amerikanischer Kräfte sei unter anderem die Versorgung Brandverletzter trainiert worden.

Bilanz des Unfalls in Ramstein: 34 Menschen sterben; die Zahl der Toten erhöht sich in den folgenden Wochen auf 70. 345 Zuschauer werden verletzt.

Als Konsequenzen des Flugschau-Unglücks wird unter anderem festgelegt, dass es künftig bei solchen Veranstaltungen gemeinsame Einsatzleitungen geben muss. Das damals noch im Aufbau befindliche System der „Leitenden Notärzte“ wird kurze Zeit später in Rheinland-Pfalz eingeführt. Erstmals wird der Ruf nach einer psychosozialen Nachbetreuung sowohl der Opfer als auch der Helfer laut.

(Dieser Beitrag erschien erstmals im Rettungs-Magazin, Ausgabe 4/2001)

Das SWR-Fernsehen zeigt aus Anlass des Jahrestages heute Abend um 23.00 Uhr die 45-minütige Dokumentation „Ramstein – Die Flugschaukatastrophe und ihre Folgen“. Mit Zeugeninterviews und bisher nie gezeigtem Filmmaterial der Ermittlungsbehörden werden die Ereignisse noch einmal aufgerollt. Der Film zeigt aus einem sehr persönlichen Blickwinkel, was dieser Tag im Leben der Betroffenen angerichtet hat und wie sie noch heute versuchen, mit dem Erlebten zurecht zu kommen.

Links zum Thema:

http://www.ramstein-1988.de/
http://www.ramstein-airbase-katastrophe.de/
http://www.robert-stetter.de/Ramstein/ramstein_d.html
http://www.jatzko.de/

(28.08.2008)

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