Das Geheimnis der „Zisch-Hörner“


Stuttgart (rd.de) – Mit den neuen Porsche-Einsatzfahrzeugen für die Stuttgarter Notärzte wird eine neue Sondersignaltechnik erprobt. Die so genannten „Zisch-Hörner“ machten unsere Leser stutzig und neugierig zugleich.

Diese Situation hat wohl jeder Autofahrer schon erlebt: Man hört das Sondersignal, schaut in die Rückspiegel, ohne ein Einsatzfahrzeug zu sehen, während der Rettungswagen unmittelbar vor einem die Straße im Kreuzungsbereich überquert. Während der weitere Ausbau der Lautstärke von Sondersignalanlagen aus medizinischen Gründen nicht sinnvoll ist, lässt sich die Richtungsortung mit einem vergleichsweise simplen Akustiktrick positiv beeinflussen.

Schon seit dem Jahr 2000 bietet die Firma Sound Alert Technology plc. aus Warrington in
England ein elektronisch erzeugtes Zusatzgeräusch an. Es handelt sich um ein so genanntes „Weißes Rauschen“. Es beschreibt ein Geräusch aus einem diffusen Gemisch vieler unterschiedlicher Tonfrequenzen. Dieses Rauschsignal hat den Vorteil, sehr gut räumlich zugeordnet werden zu können.

In Großbritannien sind viele große Rettungswagenflotten schon mit dieser Technik ausgerüstet. Anfänglich waren die Einsatzwagenfahrer von der Wirkung übrigens nicht überzeugt, weil man im Innenraum des Einsatzfahrzeugs kaum hört, ob das Rauschen ein- oder ausgeschaltet ist. Doch der positive Effekt der Technik offenbarte sich schnell. Die Autofahrer erkennen schlichtweg schneller, dass sie einem Einsatzwagen Platz machen sollen.

Das Stuttgarter Projekt

Die neuen Notarzteinsatzfahrzeuge von Typ Porsche Cayenne der Stuttgarter Feuerwehr beinhalten erstmals in Deutschland zwei zusätzliche innovative Signaleinrichtungen. Den Seitenblitzer in den Kotflügeln und ein zuschaltbares, elektronisch erzeugtes Rauschen. Die Signalanlage macht also bei Bedarf „Tatü-rausch-tata“, versucht Christian Schwarze, Leiter der Abteilung Technik der Feuerwehr Stuttgart den Toneffekt am Telefon zu beschreiben.

Für die Entwicklung der neuartigen Signaleinrichtung zeichnen das Porsche-Technikzentrum in Weissach und der Sondersignalanlagen-Hersteller Hänsch verantwortlich. Ermöglicht wird das einjährige Projekt durch eine Ausnahmeerlaubnis des Stuttgarter Regierungspräsidiums, denn eigentlich sind weder die Seitenblitzer noch abweichende Signaltöne an Einsatzfahrzeugen zulässig.

Dokumentation der Einsatzerfahrungen

Die NEF-Fahrer in Stuttgart werden jede Einsatzfahrt mit der neuen Signaltechnik beurteilen müssen. „Da unsere Notarztwagenfahrer eben nicht nur Notarzt fahren, sondern auch im Feuerwehrdienst tätig sind, haben sie immer einen Vergleich zwischen den Einsatzfahrzeugen mit und ohne der neuen Signaltechnik“, erläutert Schwarze das Vorhaben. Die Untersuchungsergebnisse werden einen Hinweis liefern, ob diese Technik das Zeug dazu hat, in Zukunft die Wahrnehmung von Einsatzfahrzeugen zu verbessern.

Hier können Sie sich das Stuttgarter „Zisch-Horn“ anhören!

9 Responses to “Das Geheimnis der „Zisch-Hörner“”

  1. Michael Klöpper on September 19th, 2008 10:29

    Zugegeben: Wäre das an einem 1. April veröffentlicht worden, man hätte es kaum glauben können. Klingt das Geräusch doch so, als hätte jemand vergessen, das Antennenkabel an einem Fernsehgerät einzustecken. Doch beim zweiten Gedanken klingt das gar nicht so abwegig: Jeder der die Stadt-/Landschaltung mal an einer Kreuzung genutzt hat, kennt den Räumerfolg, den ein Tonwechsel des Signals auslösen kann. Die Aussagen aus England machen gespannt auf die Erfahrungen, die die Kollegen in Stuttgart jetzt sammeln.

  2. Kai Steiner on September 24th, 2008 14:21

    Das Problem in Deutschland liegt nicht darin, dass man Einsatzfahrzeuge nicht wahrnehmen würde. Vielmehr muss am mangelnden Willen einiger Autofahrer gearbeitet werden, nach der Sichtung eines RTW das Richtige zu tun – nämlich zu blinken, rechts heranzufahren und anzuhalten.
    Viele geben erst recht Gas, wenn man von hinten naht; einige finden selbst das rechts Heranfahren schon zu kompliziert. Und diejenigen, die ihre 1000-Watt-Anlage voll aufgedreht spazieren fahren, wird das Horn, das eigentlich nur defekt klingt, nicht sonderlich beeindrucken.

    Es sollten Fahrschulen besucht werden, um den Schülern dort die Folgen einer rücksichtslosen Fahrweise aufzuzeigen. Auch die Fahrlehrer sollten hier einmal überprüft werden. Bei dieser Gelegenheit könnte man die Tätigkeit des Rettungsdienstes auch bei einer geeigneten Zielgruppe bekannt machen.

    Des Weiteren wäre eine Technik leicht umsetzbar, die auf der Basis der Lautstärkeherabsetzung bei Verkehrsmeldungen beim Herannahen eines Einsatzfahrzeugs Autoradios in der Umgebung stumm schaltet.
    Die optimalste Warnwirkung erziele ich mit einem gut ortbaren Martin-Presslufthorn. Warum immer noch viele Rettungsdienste sich zieren, diese Anlagen auf ihre RTW zu schrauben und weiter auf E-Hörner setzen, mit denen man bestenfalls einen Mückenschwarm verscheuchen kann, ist mir schleierhaft.

  3. matzirs on Oktober 23rd, 2008 21:20

    Ich halte von dem neuen Horn gar nichts, da es einfach zu leise ist und das Störgeräusch als solches erkannt wird und nicht damit in Verbindung gebracht werden wird einem Rettungsfahrzeug auszuweichen.
    Ich bin der Meinung, dass es heute nur eine Möglichkeit gibt vernünftig auf sich aufmersam zu machen, da das früh „geortet“ zu werden ja unsere einzige Lebensversicherung ist, nämlich ein lautes Grundhorn, das dann an gefährlcihen Stellen wie Kreuzungen durch ein Presslufthorn der „Firma Martin“ ergänzt wird. Mit anderen Anlagen hat man bei den heutigen sehr gut Geräusch isolierten Fahrzeugen keine Chance.

  4. RescueMed on Oktober 28th, 2008 10:09

    Da bin ich mal auf die Erfahrungen gespannt. Ich glaube das es im hohen Geräuschpegel einer Innenstadt, z.B. zur „Rush-Hour“ genauso untergeht wie manche schwächliche Elektronische Signalanlage. Wir verbauen auf unseren Einsatzfahrzeugen seit mehreren Jahren wieder zusätzlich zu den elektronischen Anlagen die grosse Martin-Anlage als „Kreuzungsräumer“ und haben damit beste Erfahrungen gemacht.
    Zugegebenermassen ist das teuer, und die Anlagen bedürfen einer regelmässigen Pflege, aber die Sicherheit unserer Patienten, Mitarbeiter und Einsatzfahrzeuge ist uns das wert. Viel wichtiger wäre mir aber der längst überfällige Anstoss zu einer Diskussion über die elendige gesetzliche Beschränkung der heute machbaren optischen Wahrnehmung von Einsatzfahrzeugen im Strassenverkehr. Hier müssen antiquierte Gesetze und Verordnungen endlich fallen. Springlichtschaltungen, LED Blitzer z.B. auch seitlich dienen der Sicherheit aller und dürfen nicht länger verboten sein.

  5. Autoscout on November 1st, 2008 16:00

    Sehr gute Idee die unbedingt weiterverfolgt werden sollte!
    Denn alle anderen Mittel zur Warnung sind aktuell so ziemlich ausgeschöpft.
    Optisch sind die LEDs auf dem Vormarsch. Mehr geht aktuell nicht.
    Akustisch fährt man auch an der Obergrenze was die Lautstärke angeht, egal ob Elektro oder Pressluft.
    Intelligente Vernetzung von Fahrzeugen ist aktuell schon möglich aber es wird wohl noch sehr lange dauern bis jedes Fahrzeug seinen Fahrer informiert wenn und von wo ein Einsatzfahrzeug kommt.
    Ein gut hörbarer Zusatzton wie er nun in Erprobung ist könnte die Lösung sein.
    Tiefe Frequenzen streuen zum einen besser um Hindernisse, man hört also schon etwas wo das normale Horn noch „vorbeistrahlt“. Dann heißt es „Augen auf“. Zum anderen kann man tiefe Frequenzen lauter machen (als das normale Signal) ohne dass sie gleich stören oder gesundheitsschädlich sind. Sie werden somit auch bei geschlossenen Scheiben und guter Schallisolierung besser wahrgenommen.
    Generell gilt aber immer noch: Man muss den anderen Verkehrsteilnehmern auch Zeit geben überhaupt zu reagieren. Dabei gilt: Zuerst wird man gesehen und (leider) sehr spät erst gehört. Und jeder hat sich wohl privat schon mal dabei ertappt dass er im Auto „vor sich hin träumt“ und nur die Straße vor sich sieht. Und das sind dsnn genau die Autofahrer die urplötzlich reagieren wenn man schon fast bei ihnen ist mit dem Einsatzfahrzeug. Da sieht man mal wie spät das Horn erst gehört wird!
    Also auch auf Einsatzfahrt genau überlegen wie schnell man fahren sollte wenn andere Autos unterwegs sind!
    Schneller fahren kann man da wo die Straße leer ist.

  6. caesar on November 7th, 2008 21:31

    Ich wäre an sich auch skeptisch gegenüber der neuen Technik, aber irgendwas werden sich die Entwickler ja dabei gedacht haben.

    Die bessere Ortbarkeit dürfte – wenn sie sich bestätigt – meines Erachtens durch die oberen Frequenzbereiche des Rauschsignals erzielt werden; ob man mit tiefen Frequenzen tatsächlich eine bessere Warnwirkung gegenüber Fahrern mit laut eingestellter Musikanlage erzielen kann, weiß ich nicht so recht. Wirklich tiefe Frequenzen kann die Anlage ja schon aufgrund der kompakten Größe der Lautsprecher nicht in großer Lautstärke erzeugen. Dafür bräuchte man kein Zisch-Horn, sondern ein Klipschhorn, und das wird schon aus Platzgründen schlecht auf einem Rettungsfahrzeug zu installieren sein 🙂

    Was mich beim Anhören des mp3-Files nachdenklich machte, war der Umstand, daß das Zischen nach jedem Zyklus des Tonsignals eingespielt wird. Ich meine, daß die schnelle Erkennbarkeit eines Einsatzhorns bei relativ lauten Umgebungsgeräuschen (Fahrtwind, Motorgeräusche, Musik) wesentlich darauf beruht, daß die beiden Frequenzen sich in regelmäßigem Rhythmus abwechseln. Auch wenn man die Tonhöhen noch nicht erkennt, nimmt man meines Erachtens unbewußt doch relativ frühzeitig wahr, daß irgendwo ein Signal mit zwei regelmäßig wechselnden Tönen zu hören ist. Ich denke, daß dieser Umstand dann eine Art Automatismus im Gehirn auslöst, der mir sagt „Das könnte ein Einsatzhorn sein!“ und damit automatisch erhöhte Aufmerksamkeit bewirkt und mich das Radio ausschalten und das Fenster einen Spalt öffnen läßt.

    Bisher halte auch ich eine gute Kompressorhorn-Anlage mit vier Hörnern für die beste Lösung. So lange die nicht heiß gelaufen ist (wodurch sie Leistung verliert) und die Hörner vernünftig montiert sind (vorne oben mittig parallel, um zwei bis drei Grad nach unten geneigt), kommt nichts anderes an diesen Schallpegel und die damit verbundene Auffälligkeit auch im dichten Verkehrsgewühl heran. Zwar haben ja auch die Stuttgarter NEF offenbar zusätzlich eine solche Anlage, jedoch darf meines Wissens aus rechtlichen Gründen immer nur eine von beiden Anlagen betrieben werden (wer es besser weiß, korrigiere mich).

    Vielleicht könnte eine optimale Lösung folgendermaßen aussehen: Das eigentliche Einsatzhorn wird von einer Kompressor-Anlage erzeugt. Entweder parallel zu einem der beiden Töne oder unregelmäßig wird von einem Lautsprecher das Zischgeräusch abgestrahlt. Eine Synchronisation wäre auf verschiedenen Wegen einfach zu realisieren; durch den zusätzlichen Lautsprecher hätte man dann auch gleich die Möglichkeit von Sprachdurchsagen und Funkaufschaltung geschaffen.
    Bei einer elektronischen Anlage wäre evtl. wünschenswert, daß eine Schaltung angeboten wird, in der sich Land- und Stadtsignal automatisch alle zwei bis drei Zyklen abwechseln. So könnte der oben im ersten Kommentar beschriebene Effekt besser genutzt werden.

  7. thomaswagner on Januar 7th, 2009 10:34

    Meiner Meinung nach sit die „Erprobung“ dieser „Zisch“-Hörner mal wieder nichts anderes als der unsinnige Versuch, das Rad neu zu erfinden. Im täglichen Einsatzbetrieb dürften die meisten von uns, die in den Genuss einer originalen Martinhorn-Kompressor-Anlage gekommen sind, von dieser auch überzeugt sein. Abgesehen davon, dass die zivilen Fahrzeuge immer besser gedämmt und isoliert sind, wird dieses Rauschen keinen sinnvollen Effekt haben. Im Gegenteil, es hört sich einfach nur nach einem technischen Defekt an. Hier muss ich dem User caesar recht geben. Zudem sind diese elektronischen Hörner bereits heute in ihrer Leistung unterdimensioniert, besonders auf Landstrassen und Autobahnen. Hier ist die Martinhorn-Anlage bis heute unübertroffen. Und innerorts wird der Schall von den Hauswänden stetig hin- und hergeworfen, so dass durch die Überlagerung und Kanalisierung der Tonfolge ein deutlich gesteigerte akustische Wahrnehmbarkeit gegeben ist.
    Daher halte ich die Martinhorn-Anlagen (und nur die) für die beste Lösung in Kombination mit einem leistungsgesteigerten elektronischen Horn. Damit lässt sich die Richtung genau so gut zuordnen. Und als kleine Anmerkung: Es gibt mittlerweile genügend Studien, die belegen, dass die Tonfolgen der angloamerikanischen Fahrzeuge einen deutlich besseren Wahrnehmungseffekt haben als die in Deutschland gebräuchlichen. Und da diese auch ohne Kompressoranlagen auskommen, sollte man sich mal Gedanken in dieser Richtung machen, wenn man schon unbedingt mal wieder in dieser Angelegenheit herumbasteln will…

  8. Hans-Muff on November 12th, 2010 12:42

    Klingt echt, als wenn etwas kaputt wäre.
    Finde hier geht das eigentliche Sondersignal ehr unter, als das irgendwas verstärkt wird. Entweder sollte überall wieder ein Martinhorn zusätzlich drauf um an Kreuzungen besonders aufzufallen, oder man sollte überlegen ob nicht mal langsam diese schön schrillen Amisirenen zugelassen werden. Wenn man auf die Kreuzung zufährt auf Yelp oder wie die ganzen Sirenen heißen umschalten, dass wird wohl jeden Wachrütteln.

  9. Mario Gongolsky on November 12th, 2010 13:06

    Hallo,
    die praktischen Erfahrungen mit dem Zischhorn waren negativ. Tatsächlich sollen Passanten die Fahrer aus ein defektes Martinshorn hingewiesen haben. Das Projekt ist Geschichte, die Stuttgarter NEF wieder mit normaler Tonfolge unterwegs.

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