Gewalt im Rettungsdienst: Manchmal hilft die Eskalation


Hannover (rd.de) – Meldungen über Gewalt gegen Rettungsfachkräfte häufen sich. Gleichzeitig wird der Ruf nach gezielten Deeskalationstrainings lauter. In seinem Vortrag auf der Interschutz zum Thema „Gefährdung und Eigenschutz“ widmete sich Dr. Ken Oesterreich sowohl der Frage nach Möglichkeiten der Deeskalation, als auch den Möglichkeiten einer gezielten Eskalation.

Mitarbeiter im Rettungsdienst haben ein zehnmal höheres Risiko, Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz zu werden, als Menschen in anderen Berufen. Die Übergriffsformen sind vielfältig. Sie reichen von verbalen Attacken über einen direkten körperlichen Angriff, zum Teil mit Waffen. Deeskalationsstrategien seien nur bis zu einem gewissen Punkt hilfreich, so Dr. Oesterreich. Es gebe klinische Krankheitsbilder, die zu Agressivität führten und die nicht mit üblichen Deeskalationsstrategien bewältigt werden könnten. Eine gezielte Eskalation könne dazu genutzt werden, Grenzen aufzuzeigen, aber auch um zu verdeutlichen, dass der Patient ernst genommen werde. Darüber hinaus sei so auch die Situationskontrolle gewährleistet.

Dass es zu Gewalt gegenüber Rettungsfachkräften kommt, liegt nach Meinung von Dr. Ken Oesterreich auch an einem mangelnden Verständnis über den Gewaltprozess bei Rettungsdienst-Mitarbeitern. Deswegen empfiehlt er die Entwicklung verschiedener Algorithmen. Sie sind im Umgang mit potenziell gefährlichen Patienten zu beachten. Darin sollten alle Maßnahmen Anwendung finden, die der Eigensicherung dienen. Beispielsweise…

•    …permanent Blickkontakt mit dem aggressiven Patienten halten. So werde die Gefahr von Überraschungsangriffen vermieden.
•    Einen eigenen Rückzugsweg planen, um sich notfalls schnell aus einer Gefahrensituation zu retten.
•    Verhaltensweisen, die zu einer Eskalation führen können, unterlassen.
•    Distanz zum aggressiven Patienten wahren.
•    Dem aggressiven Patienten Rückzugsräume geben, um die Hochstresssituation nicht noch weiter zu verstärken.

Abschließend wies Dr. Ken Oesterreich darauf hin, dass dem Thema Eigenschutz als Teil der Arbeitssicherheit im Rettungsdienst mehr Raum gegeben werde müsse. Es sei aber immer zu beachten, dass Deeskalation nicht Aufgabe der Rettungsdienste, sondern nur eine Methode zur Lösung derartiger Probleme sei. Welche weiteren Lösungsmöglichkeiten gewählt würden, bestimme immer die vorliegende Situation und der Patient.

(11.06.2015)

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