Arzt erklärt Patientin versehentlich für tot


Gelsenkirchen (rd.de) – Das Amtsgericht Gelsenkirchen hat Freitag (15.04.2016) einen Arzt verurteilt, weil dieser voreilig eine Patientin für tot erklärt hatte.

Shootong für RettMag , Thema Todesfeststellung, mit Gaby SchwarzDer Fall sorgt bundesweit für Schlagzeilen, weil Bestatter Alarm schlugen, nachdem die vermeintlich tote 92-Jährige plötzlich in der Kühlkammer Lebenszeichen von sich gab. Einen Tag später starb die Frau tatsächlich in einem Krankenhaus. Im Rahmen des Prozesses soll der Mediziner unter anderem nach Informationen des Westdeutschen Rundfunks angegeben haben, er hätte bei der Frau Leichenflecken an Nacken und Oberschenkeln festgestellt. Ein EKG wurde von ihm nicht abgeleitet.

Vita reducta: der so genannte Scheintod

Liegen keine sicheren Zeichen des Todes bei Auffinden einer leblosen Person vor, muss das Rettungsteam zunächst prüfen, ob eine Reanimation indiziert ist. Im erwähnten Fall aus Gelsenkirchen scheint der Rettungsdienst allerdings nicht eingebunden gewesen zu sein. Es dürfte sich um einen niedergelassenen Arzt und nicht – wie in der Publikumspresse erwähnt – um einen Notarzt gehandelt haben.

Die wenig handliche A-E-I-O-U-Regel beschreibt Zustände, bei denen häufig eine Vita reducta – der so genannte Scheintod – vorliegt, der Patient aber keineswegs verstorben ist:

 

A    Alkohol, Anämie, Anoxämie; zum Beispiel Kohlenmonoxidvergiftung
E    Elektrizität, Epilepsie
I     Injury; zum Beispiel Schädel-Hirn-Trauma, Polytrauma
O   Opium; Betäubungsmittel, zentral wirksame Pharmaka
U   Unterkühlung, Urämie und andere metabolische Komata

In der Literatur sind einige wenige Fälle beschrieben, bei denen Patienten nach Abbruch einer vermeintlich erfolglosen Reanimation spontan wieder Lebenszeichen aufwiesen. Diese als Lazarus-Phänomen bezeichnete Erscheinung ist extrem selten und medizinisch nicht klar begründet.

Wird eine Reanimation nicht aufgenommen bzw. abgebrochen, sollte ein zehnminütiges Ableiten eines Nulllinien-EKG erfolgen. Damit können eine Vita reducta bzw. ein Lazarus-Phänomen relativ sicher ausgeschlossen werden. Definitive Sicherheit liegt aber erst nach Ausprägung sicherer Todeszeichen vor.

Mangelnde Sorgfalt bei der Leichenschau

Der Arzt in Gelsenkirchen wurde vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe in Höhe von 1.000 Euro verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, die Leichenschau nicht mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt zu haben. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, der Mediziner hätte eine fahrlässige Körperverletzung begangen, wurde fallengelassen.

(18.04.2016; medizinische Informationen: Jürgen Auerhammer, Anästhesist und Notarzt; Symbolfoto: Markus Brändli)

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