München im Funkloch


München (rd.de) – Während am kommenden Donnerstag Bayerns Innenstaatssekretär Gerhard Eck den erweiterten Probebetrieb für den digitalen BOS-Funk starten will, sorgen U-Bahn und Großgebäude wie Messe und Stadion dafür, dass die Einsatzkräfte weiterhin analoge und digitale Funkgeräte herumschleppen müssen.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, seien derzeit weder Rettung noch Feuerwehr für den digitalen Einsatzfunk hinreichend gerüstet. Hinzu kommen Rückstände bei der technischen Ausstattung der Gebäudefunkanlagen. Alleine die Umrüstung der Münchner U-Bahn-Stationen auf den Digitalfunk würde demnach einen zweistelligen Millionenbetrag verschlingen.

One Response to “München im Funkloch”

  1. Manuel on Dezember 7th, 2010 12:12

    Auch bei „flächendeckender“ BOS-Digitalfunkversorgung dürften sich die in München auftretenden Probleme kaum mindern. Genauso wenig neu ist: Alle BOS-Digitalfunkmängel werden von politisch Verantwortlichen/Digitalfunklobbyisten grundsätzlich „abgebügelt“, gänzlich bestritten, in Abrede gestellt, etc..wie z.B. bei ersten Software-Sicherheitsproblemen beim E-perso.

    Im Nachhinein mussten hier die Mängel dennoch kleinlaut eingeräumt und ein wohl im Jan. 2011 erscheinendes E-perso App-Softwareupdate verkündet werden. Nicht anders läuft es beim BOS-Digitalfunk.

    – Digitalfunkzusammenbruch beim Castortransport: Nicht der einzige Vorfall. Der Digitalfunk kollabiert regelmässig insbesondere während Grosseinsätzen, z.B. in England und Holland. Beide Länder betreiben das weitgehend identische auch für Deutschland geplante TETRA-Digitalfunksystem.

    Holland: Querverweis auf die I-netseite „Funkmagazin punkt de“ v. 11.9.2010 „Niederlande: Feuerwehren kritisieren digitalen BOS-Funk. Hier u.a. 2 Querverweise auf einen engl. Beitrag und einem holl. TV-Beitrag des Senders NOS. Hollands 4 führende Feuerwehrgewerkschaften fordern die sofortige Analogfunk-Wiedereinführung, weil der Digitalfunk unbrauchbar ist. Im Direktfunkverkehr ab ca. 200m Entfernung kommt es zu gravierenden Problemen. Der Digitalfunk kollabiert regelmässig während Grosseinsätzen, z.B. 2009 beim Attentat auf die niederl. Königin in Appeldoorn, beim Flugzeugabsturz 2009, in Amsterdam, sowie bei div. Grosseinsätzen gegen Fussballhooligans in Stadien. Ich selbst stehe mit einem niederländischen ranghohen Feuerwehrangehörigen in Kontakt, welcher mir „noch einiges andere“ berichtete. Unter anderem gab es in Holland bereits 3 tote Feuerwehrleute, wobei der mangelhafte Digitalfunk eine wesentliche Rolle spielte.

    England: Allein zwischen 2005-2008 kam es zu mind. 93 schwerwiegenden Digitalfunkstörungen bzw. Ausfällen insbesondere bei Grosseinsätzen. Der Original-BBC-Seitenlink liegt mir vor.

    Fehlbedienungen der Digitalfunkgeräte durch die Einsatzkräfte erscheinen wegen der Vielzahl der Vorfälle wenig plausibel.

    Jetzt ein unglaublicher Vorgang beim britischen Digitalfunksystem:

    Gespräche zu teuer Sparmaßnahmen in Großbritannien: Polizisten sollen Simsen statt funken
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    Großbritanniens Polizisten sind dazu angehalten, so oft wie möglich ihren Kollegen Textnachrichten zu schreiben, anstatt den Polizeifunk zu nutzen. Der Grund: Der Netzbetreiber Airwave Solution erhebt für Gespräche horrende Kosten, berichtet die britische Tageszeitung DailyMail in ihrer Ausgabe vom 20.11.2010.

    Danach sollen bis zu zwei Pfund (circa zwei Euro) pro Sekunde für Gespräche fällig werden, sobald die Summe der Gespräche ein bestimmtes Limit überschritten haben. Deshalb schickt die Polizei ihre Streifenpolizisten nun in so genannte Schreibtrainings. Zudem gibt es sechszehn vorgefertigte Codes, die eine bestimmte Nachricht an den Zentralcomputer senden. Hiermit sollen die Polizisten der Zentrale schnell melden können, was sie gerade tun.

    Nur im Notfall soll Funkkontakt mit der Basis aufgenommen werden. Kritiker befürchten nun, dass die Aufmerksamkeit der Streifenpolizisten darunter leiden könnte. Außerdem wüssten sie nicht, ob ihre Nachricht wirklich angekommen ist und ihre Kollegen im Notfall wissen, wo sie sich gerade aufhalten. Das sei der große Unterschied zu Gesprächen über Funk. Ausserdem ist erfahrungsgemäss kein Polizeieinsatz wie der andere. Was anfangs wie harmlose Routine aussieht, könne sich sehr schnell dramatisch weiterentwickeln. Der ehemalige Londoner Police-Commissioner Brian Paddick sieht nicht nur die Polizei-Effizienz infrage gestellt. Auch hätte der Digitalfunk von anfang an z.B. nicht innerhalb von Gebäuden funktioniert, weshalb für erhebliche Zusatzkosten extra Funkrelaisstellen installiert werden mussten.

    Wie viel die britische Polizei im Jahr an den Netzbetreiber insgesamt zahlen muss konnte DailyMail nicht in Erfahrung bringen. Die Rechnungen für einzelne Polizeibezirke beliefen sich aber im letzten Jahr auf durchschnittlich rund 600.000 britische Pfund, berichtet die Zeitung. Dass die Sparmaßnahmen notwendig sind, belegt auch die Bilanz von Airwave Solutions. Zuletzt machte das Unternehmen sogar mehr Profit als der britische Netzgigant Vodafone. Airwave selbst will in seine Tarifstruktur keine Einblicke gewähren, bezeichnete die Angabe von 2 Pfund pro Sekunde aber als inkorrekt und irreführend.

    Der DailyMail Originalbericht ist beim googlen problemlos auffindbar z.B. mit den Begriffen dailymail british police sms.

    Dasselbe kommt wohl auch auf Deutschland zu. Immer mehr Bundesländer sprechen offen über eine Kostenumlegung auf die Nutzer. Hierzu liegen mir mit Stand 2009 div. Infos vor. Gegenteilige Infos sind mir bis jetzt nicht bekannt.

    Sprich, die Kommunen sollen voraussichtlich die Kosten der Funkgespräche, welche ihre Feuerwehren verursachen, an den kommerziellen Betreiber des Deutschen Behördenfunknetzes Alcatel-Lucent Digitalfunk Betriebsgesellschaft zahlen. Das gleiche gilt auch für die Funkkosten aller anderen Hilfsorganisationen, die im Moment wahrlich nicht übermäßig mit Geld gesegnet sind und entsprechend meist auf private Spenden hoffen.

    Als ein kommunales Kostenrisiko erscheint die “Aufteilung nach dem Funkaufkommen” – insbesondere bei Grosseinsätzen – bzw. Schadensereignissen mit entsprechend viel Funkverkehrsaufkommen. Anders gesagt: Viel Funkverkehr = hohe Verbindungskosten für den jeweiligen BOS-Bedarfsträger bzw. die jeweils betroffene Kommune. Bei Großeinsätzen bzw. Großschadenslagen wird der anfallende BOS-Digitalfunkverkehr für die Betroffenen ein “teures Vergnügen”. Hoffentlich weigert sich nach evtl. Digitalfunkeinführung keine Feuerwehr bzw. BOS-Hilfsorganisation zum Einsatz auszurücken, weil wegen abzusehenden starken BOS-Digitalfunkverkehr das zugewiesene Finanzbudget gesprengt wird. Ein gelinde gesagt befremdliches Vorgehen gegenüber einem sicherheitsrelevanten Funkdienst. Schon deshalb erscheint der BOS-Digitalfunk und dessen bundesweite Einführung höchst zweifelhaft. Der bisherige Analogfunk ist erstens nicht mit derartigen Folgekosten verbunden, und zweitens reichweitenstärker und betriebssicherer als der Digitalfunk.

    – Nur noch 30 Jahre und noch ältere Analogfunkgeräte verfügbar: Leider nicht ganz zutreffend: Unbestritten sind noch viele teils über 30 Jahre alte Geräte z.B. FuG 7b, FuG-10a etc.. in Gebrauch.
    Anderseits sind genügend Neugeräte u.a. der Hersteller Icom, Kenwood,
    Motorola im Angebot bzw. in Benutzung, alle mit entsprechender
    TR-BOS-Zulassung. Brandenburgs Polizei setzt u.a. das Handgerät Motorola
    MX3013 ein. Als weiteres Beispiel die Gerätemodelle, Icom IC-Fug13,
    Kenwood TK-290 FuG 11b, Rexon RL-328S. Die Berliner Polizei hat in
    normalen Streifenwagen zum Grossteil sog. RDN-Geräte im Einsatz. Alle
    hier genannten Gerätemodelle datieren von Mitter der 90er Jahre, oder noch kürzer.
    Somit also problemlos Ersatzteile verfügbar. Zahlreiche weitere
    Gerätemodelle (Hand-bzw. Mobil) für 4m und 2m sind mühelos im Internet
    bei dt. Funkfachhändlern auffindbar.

    Würden u.a. die vorgenannten Neugeräte angeschafft, erübrigt sich auch
    das Problem, aus Ersatzteilen „grottenalter Funkgeräte“ ein neues
    zusammenzubasteln. Von der „zwanghaften“ Umrüstung auf einen offenkundig
    mangelhaften Digitalfunk ganz abgesehen.

    – Erste Aussage des Innen-„Experten“ Wolfgang Bosbach bei der ARD-Sendung Report-München v. 29.11.2010 „in anderen Ländern funktioniert der Digitalfunk, nur bei uns nicht, warum?“

    Die Aussage dürfte schon allein angesichts der o.g. Erfahrungen aus England, den Niederlande und beim Castortransport genügend widerlegt sein. Im übrigen verweigerte die für den BOS-Digitalfunk zuständige Bundesanstalt wie immer bei Nennung von Mängeln und Risiken jegliche Stellungnahme vor der Kamera, wiegelt jedoch auf ihrer I-netseite alle bei „Report-München“ v. 29.11.2010 genanten Punkte ab bzw. stellt sie gänzlich in Abrede.

    Zweite Aussage von Hr. Wolfgang Bosbach “ der Digitalfunk muss auch aus Kellern, Tiefgaragen etc..funktionieren“.

    Dies ist u.a. wegen folgender physikalisch-technischer Gründe nicht problemlos machbar!

    1. Digitalfunkfrequenzbereich 380-400MHZ, bisheriger Analogfunk bei rd. 86MHZ und rd. 170MHZ. Je höher der Frequenzbereich, desto niedriger die quasi-optische Reichweite. Beim Digitalfunk schon deswegen gut 1/2 bis 3/4 geringere Reichweiten als beim bisherigen Analogfunk.

    2. Alle Digitalfunkverfahren benötigen ausserdem u.a. Symbolraten, Fehlerkorrekturen, Zeitschlitze. Beim Fehlen auch nur EINEN Parameters bricht die Verbindung zusammen bzw. kommt erst gar nicht zustande. Genau deshalb benötigen alle Digitalfunkverfahren höhere effekt. Feldstärke (besseren Empfang) als beim bisherigen Analogfunk.

    3. Bei den u.a. erwähnten BOS-Digitalfunk-Umsetzer für U-Bahnstationen, Gebäude, Tiefgaragen etc..stellt sich die Frage, inwiefern diese im Feuer-bzw. Gefahrenfall überhaupt noch betriebsfähig bleiben. Auch ist innerhalb der gen. Objekten die „Durchdringtiefe“ des Digitalfunks wesentlich schwächer ausgeprägt als beim Analogfunk.

    4. Der Digitalfunk ist zumindest im TMO-Betrieb ein Bündelfunksystem. Kommt es hier zu Störungen/Ausfällen, sind im Vergleich zum Analogfunk ALLE Einsatzkräfte gleichermassen betroffen. Der Gesprächsaufbau läuft hier u.a. über PC-Server. Deren Ausfälle „durfte“ Niedersachsens Polizei beim NIVADIS-Systems am 1.10.2010 für rd. 2 Tage „bei Laune halten“, wo zwar Einsätze vor Ort beschickt werden konnten, diese Einsätze jedoch anschliessend nicht weiterbearbeitet werden konnten. Fallen beim Digitalfunk PC-Server aus, dürften Einsätze der Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte nur sehr verzögert beschickt werden können. Auf die Rechtfertigung der politsch-Verantwortlichen/Digitalfunkbefürworter bei hieraus resultierenden schwerwiegenden Folgen bzw. Todesfälle darf man in solchen Fällen gespannt sein.

    Der bisherige Analogfunk arbeitet grösstenteils mit jeweils völlig unabhängigen Frequenzen/Kanälen. Schon deshalb ist ein flächendeckender Ausfall technisch unmöglich. Schlimmstenfalls fallen einzelne Kanäle aus, jedoch keine kompletten Bereiche. Für derartige Fälle stehen grundsätzlich genügend Reservekanäle zur Verfügung. Deshalb merkt z.B. die Polizei nichts von Funkproblemen bei der Feuerwehr und umgekehrt.

    5. Motorola „European Patent Application“ v. 26.1.2005 Seite 2 Satz 25-30 sinngemäss: Wird DMO-Digital-Direktfunkbetrieb ohne Relaisstation/Umsetzer an Einsatzstellen durchgeführt, treten oftmals erhebliche Beeinträchtigungen der Funkverbindungen trotz unterschiedlicher
    Gesprächsgruppen auf. Ursache: weil ohne TMO-Betrieb überRelaisstationen/Umsetzer und der damit wegfallenden Zeitschlitz-Synchronisation keine Möglichkeit besteht, DMO-Interferenzen zu minimieren/verhindern. Gegenteilige Infos sind mir bis jetzt nicht bekannt.

    Im Analogfunk nennt sich das Phenomen z.B. „Zustopfeffekt“ u.a. wegen unzureichender Nachbarfrequenzselektion bzw. Trennschärfe. Dies macht sich jedoch lt. bisher vorliegenden Infos nicht derart gravierend bemerkbar macht und ist mit den bisherigen Analogfunkgeräten keineswegs der Normalzustand.

    Die erwähnte Motorola European-Patent-Application liegt mir als PDF-File vor.

    6. Abhörgefahr beim Analogfunk: Stellt sich die Frage, was gefährlicher für Einsatzkräfte/Bevölkerung ist: Ein paar „ungeladene Zaungäste“, oder ein vermeintlich abhörsicherer Digitalfunk mit den hier beschriebenen Mängeln und Risiken? Die „wirklich sensiblen“ Einsätze werden schon lange per Handy abgewickelt. Zumindest die unverschlüsselte Digitalfunk-Variante wurde bereits 2006 in Aachen mittels PC plus Soundkarte und einer relativ simplen Software geknackt/abgehört. Die dürfte für zukünftig auch für die „hart-codierte“ Digitalfunkvariante zu erwarten sein.

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