Telefongeleitete Reanimation in Mainz


Mainz (pm) – In der Mainzer Rettungsleitstelle wird seit einigen Monaten ein telefongeleitetes Verfahren angewandt, dass die Überlebenschancen von Notfallpatienten verbessern soll: die telefongeleitete Reanimation. Entwickelt hat das Verfahren Dr. Guido Scherer, der als Ärztlicher Leiter Rettungsdienst bei der Kreisverwaltung Mainz-Bingen für die Rettungsdienstbezirke Rheinhessen und Bad Kreuznach zuständig ist.

Bei der Mainzer Leitstelle kommen alle Notrufe für die Landkreise Mainz-Bingen und Alzey-Worms sowie die Stadt Mainz an, die über die Rufnummer 19222 oder 112 abgegeben werden. Ähnlich funktioniert das System in der Integrierten Leitstelle in Bad Kreuznach.

„Die Zeit zwischen dem Absetzen des Notrufs und dem Eintreffen der Rettungsdienste bezeichnen wir als therapiefreies Intervall, da oft keine Wiederbelebungsmaßnahmen erfolgen, sei es aus Unkenntnis, Unsicherheit oder emotionaler Belastung, weil es sich um einen Familienangehörigen oder Freund handelt. Diese Zeit versuchen wir durch die telefongeleitete Reanimation zu überbrücken, um die Chancen für den Patienten zu steigern“, erklärt Dr. Scherer.

Dazu hat er ein strukturiertes Ablaufschema erarbeitet, anhand dessen der Mitarbeiter der Leitstelle, der den Notruf entgegen nimmt, sich genau über die Notsituation informiert. „Das sind PC-gestützt vorgegebene und standardisierte Schritte, in denen zunächst abgefragt wird, ob es Vorkenntnis in Erster Hilfe gibt, welche Symptome vorliegen, Angaben zum Patient wie Alter und Geschlecht. Und dann kann der Mitarbeiter der Leitstelle ganz präzise und leicht verständliche Anweisungen geben was zu tun ist, etwa eine Thorax-Druckmassage oder den Kreislauf stabilisierende Maßnahmen. Für den Patienten kann das die Rettung bedeuten, für den Angehörigen oder wer immer den Notruf absetzt, ist es eine Hilfe – man kann etwas tun, man ist nicht machtlos und muss das Leiden nicht tatenlos mit ansehen. Und auch die Mitarbeiter der Leistelle können die Personen vor Ort unterstützen bis professionelle Hilfe kommt“, beschreibt Dr. Scherer, der eine jahrzehntelange Erfahrung als Notarzt hat.

Hinter dem standardisierten Ablaufschema steckt eine monatelange Vorbereitung und Erprobung, die Mitarbeiter der Leitstellen wurden geschult und das System wird ständig verfeinert. Bisher sind die Rückmeldungen und Erfahrungen sehr positiv, deshalb soll das System auch auf andere Leitstellen ausgeweitet werden. Dr. Scherer: „Es ist derzeit nicht möglich auszuwerten, wie es mit dem Patienten weiter ging. Denn aus Datenschutzgründen können wir bei den behandelnden Kliniken nicht nachfragen, wie der weitere Krankheitsverlauf war. Aber die direkten Rückmeldungen aus der Leitstelle und von einzelnen Betroffenen zeigen, dass die telefongeleitete Reanimation erfolgreich ist und allen Beteiligten, vor allem den Patienten, hilft.“

4 Responses to “Telefongeleitete Reanimation in Mainz”

  1. Alfred Erstein on Januar 24th, 2012 10:23

    Na, zum Glück hat das endlich jemand erfunden! Wie nur kam die Rettungswelt bisher völlig ohne schemagestütze telefonische Anleitung aus?

    Die anderen, die bisher behaupteten, das bereits seit über 20 Jahren anzuwenden, sind ja alles Scharlatane, auch wenn dort vermeintlich sogar qualitätssichernde Nachweise über das Outcome existieren. Oder gar “wissenschaftliche Studien”.

    Haha! Nein, erst in Mainz hat man die wahren Zeichen der Zeit erkannt und ist – wie rettungsdienst.de die Pressemeldung fachmännisch wiedergibt – mal wieder der erste, der völliges Neuland betritt. So muss es sein, nehmt euch ein Beispiel!

    Dass rettungsdienst.de diese völlig überraschende Hochtechnologie als Insider-Journal nun endlich der breiten bevölkerung nahebringt, ist lobenswert. Ich denke, davon sollte man sofort das ERC in Kenntnis setzen, das bereits seit längerem entsprechende Einrichtungen nur auf Basis völlig vager Ahnungen und tendenziöser “Studien” bzw. “Erfahrungen” anderer Systeme anmahnt. Auch Google muss unbedingt zur Aufnahme eines entsprechend Hinweises in die lange Reihe anderer Fundstellen zum Thema gezwungen werden, sonst geht die Einzigartigkeit dieser ureigenen Mainzer Erfindung der Nachwelt noch verloren!

    Mal im Ernst: rezensiert denn bei rettungsdienst.de keiner die Pressemeldungen der Einsender? Hier fehlt entweder die Erklärung der besonderen Neuentwicklung oder aber der Hinweis, dass es Mainz als eine der letzten Städte auch endlich gemerkt hat, dass sowas in den ERC-Leitlinien zum plötzlichen herztod seit über 5 Jahren vorkommt und anderswo in Deutschland und in der Welt teilweise schon seit Jahrzehnten gemacht wird (sowie entsprechend wissenschaftlich fundierte Algorithmen dazu existieren).

  2. Mario Gongolsky on Januar 24th, 2012 10:46

    Richtig, es ist erstaunlich das in Deutschland in jedem Bundesland und in jedem Kreis vorhandene Methoden “neu erfunden” werden müssen. Offensichtlich ist eine weitere Einordnung der Meldung für unsere Insider-Leserschaft aber gar nicht erforderlich. Da mag sich jeder seinen eigenen Reim draus machen. Die Meldung ist sicher für die Bevölkerung gedacht und hier auch von Interesse. Man sieht daran zumindest, wie lange es dauert, bis sich solche Maßnahmen in der Fläche durchsetzen.

  3. Holger Schmitt on Januar 25th, 2012 11:56

    Ich kann mich den Vorrednern nur anschließen.

    Tolle Meldung und vor allem so innovativ… Ich hab vor 11 Jahren in einer Rettungsleitstelle in Rheinland-Pfalz gearbeitet und habe dort schon Anrufer per Telefon angeleitet, Reanimationsmaßnahmen durchzuführen, bis der RTW und NEF eintreffen.

    Dazu brauche ich keinen Computer und keinen Algorithmus, sondern nur eine gute Ausbildung als Rettungsassistent und ein wenig Einfühlungsvermögen und eine gewisse Kommunikationsfähigkeit. Dies sind aber für Disponenten sowieso unabdingbare Voraussetzungen.

  4. Rettungsdienst beteiligt sich an AED-Projekt » rettungsdienst.de on Mai 16th, 2012 14:01

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