Großveranstaltungen: ASB fordert Dialog in Augenhöhe


Köln (ASB) – „Lektion gelernt? − Was bleibt, nach der Loveparade in Duisburg?“ Auf politischer Ebene wurde diese Frage jüngst mit der Abwahl des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland beantwortet. Auf einer Fachtagung fordert der ASB, Hilfsorganisationen schon in der Planungsphase zu konsultieren.

Der ASB erörterte diese Fragestellung am 25. Februar 2012 im Rahmen einer großen Fachtagung. Knapp 160 Teilnehmer aus ganz Deutschland sowie Experten aus Wissenschaft, von Bundesbehörden sowie aus der Medien- und Eventbranche diskutierten in Köln u.a. darüber, welchen Herausforderungen man sich bei Großveranstaltungen gegenüber gestellt sieht.

Fest steht: Die Anzahl der Veranstaltungen nimmt zu, Events werden immer komplexer – und damit auch die Anforderungen an die beteiligten Hilfsorganisationen. Doch diese werden oft erst in letzter Instanz bei der Planung hinzugezogen: „Wenn es um Sicherheitskonzepte geht, befinden sich die Hilfsorganisationen meist am Ende der Nahrungskette“, erklärt Daniel Gelbke, Leiter des Referats Notfallvorsorge beim ASB-Bundesverband und ergänzt: „Der ASB fordert deshalb Kommunen und Veranstalter auf, sich mit den Hilfsorganisationen bereits in der Planungsphase an einen Tisch zu setzen, damit ihre Expertise auf Augenhöhe eingebracht werden kann.“ Dies bestätigte auch Prof. Dr. Wolf Dombrowsky, führender Katastrophenforscher aus Berlin, der auf der Tagung unterstricht: „Bringen sie den ASB als guten Bündnispartner ins Gespräch.“

Alle Akteure an einen Tisch

Die Teilnehmer der Fachtagung plädierten dafür, dass die tragischen Ereignisse in Duisburg einen Wendepunkt bei der Planung von Veranstaltungen darstellen müssen. Nur wenn ein gegenseitiges Verständnis für die Arbeit der unterschiedlichen Akteure bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen besteht, kann im Ernstfall richtig reagiert werden. „Es ist unabdingbar, dass im Vorfeld einer Veranstaltung eine vertrauensvolle und gemeinsame Zusammenarbeit erfolgt“, betont Daniel Gelbke vom ASB-Bundesverband. „Vom Veranstalter über Ordnungsbehörden bis hin zu den Hilfsorganisationen – alle müssen in die Planung eingebunden werden“, so Gelbke weiter. Auch die Besucher selbst sind ein wichtiger Faktor für die Hilfeleistung, der ernst genommen werden muss, das hat Duisburg gezeigt. „Im Zuge der Erste-Hilfe-Breitenausbildung erfüllt der ASB somit auch eine wichtige präventive Aufgabe und sorgt damit dafür, dass Veranstaltungen sicherer werden“, so ASB-Bundesgeschäftsführer Christian Reuter am Rande der Tagung.

Weitere Inhalte der Fachtagung waren u.a. aktuelle Forschungsergebnisse zum Phänomen Massenpanik, technische Möglichkeiten zur Simulation von Besucherströmen, Gewalt gegen Helfer, ein Praxisbericht vom Münchner Oktoberfest sowie die Einsatzkräftenachsorge.

(Foto: ASB/ A. Heinrich)

2 Responses to “Großveranstaltungen: ASB fordert Dialog in Augenhöhe”

  1. Limbach, Markus on Februar 28th, 2012 10:58

    Grundsatzlich stimme ich dem Artikel zu, jedoch sollte man Bedenken, dass die Planungen eigentlich schon mit einem guten Sicherheitskonzept beginnen und hier der Dreh- und Angelpunkt ist. Je besser ein solches Konzept ausgearbeitet ist und die verschiedenen Belange einer Veranstaltungen auch im Umfeld berücksichtigen – umso besser ist man für ein hoffentlich nicht eintretendes Ereignisse gewappnet.
    Entsprechende Szenarien zu planen und auch durchzuspielen, kann jede Institution für sich selbst und so das Personal schulen.
    Eine generelle Einbindung von Anfang an halte ich jedoch unter Umständen als kontraproduktiv, denn oftmals werden nur die eigenen Interessen vertreten und der Blick fürs „Gesamte“ geht u.U. verloren. Ab einem bestimmten Punkt der Veranstaltung sollten die beteiligten Institutionen oder Gesellschaften, Privatanbieter usw. gemeinsam eingebunden werden.

  2. Eckhard Mattke on März 8th, 2012 13:43

    Vernachlässigt werden bei solchen Planungen auch immer die Einbindung von Notfallseelsorge (NFS) / Kriseninterventionsteams (Kit). Diese sind einerseits nicht immer gleich und nicht immer in ausreichender Personenzahl vor Ort und müssen bei größeren Schadensfällen aus Nachbarlandkreisen / Systemen erst nachalarmiert und herangezogen werden – wobei es dann zu zeitlichen Verzögerungen und längeren Anfahrten kommt.
    Vor einigen Jahren wurden wir in unserem Gebiet noch bei größeren Veranstaltungen personell mit eingeplant und waren mit vor Ort – aber auch erst nach Anfrage und Angebot. Heute wird dies – nachdem ja nichts passiert ist – wieder unterlassen.
    Wenn NFS / Kit personelle vor Ort present ist, kann schon mal die Infrastruktur für den Schadensfall aufgebaut werden, welches ja auch immense Zeit braucht. Zudem sind dann auch die Örtlichkeiten schon bekannt und müssen nicht erst erkundet werden. Geschützte und abgeschirmte Bertreuungstellen und Orte müssen dann nicht erst gesucht werden sondern sind vorbestimmt und können sofort besetzt werden mit Abschnittsleitern. Nachgeführte Einsatzkräfte der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) können dann sofort und lageabhängig eingestzt werden. Zudem sind dann auch die betroffenen und angrenzenden System vorinformiert und in Bereitschaft gesetzt, und können dann schneller und effektiver nachalamiert werden, und sind damit schneller verfügbar. Wenn das berühmte Kind erst mal in den Brunnen gefallen ist und man dann nach der PSNV ruft, wundert man sich, dass die nicht wie die Feuerwehr schnell zum Einsatzort kommen – und die Zeit des Wartens auf Hilfe im Schadensfall wird immer länger empfunden als sie wirklich ist.
    Von daher unsere dringende Empfehlung für Großveranstaltungen: Auch die PSNV-Kräfte von Anfang an mit einbeziehen und zumindestens eine Abordnung von Kräften der PSNV und /oder eine Einsatzleitung PSNV mit entsprechender Zahl von Abschnittsleitern vor Ort in Bereitschaft halten – dann kann auch psychosoziale Hilfe im Schadensfall sofort anfangen zu arbeiten und zu helfen. Dann geht auch hier wertvolle Zeit eben nicht verloren und Betroffenen kann sofort geholfen werden. Denn die PSNV gehört heute zur Rettungskette dazu – wird aber immer noch von Verantwortlichen gerne belächelt und bagatelisiert – bis es zu spät ist.

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