Ziele des neuen RettAssG in Gefahr?


DBRD-Vorsitzender König: "Wir wollen ein neues RettAssG, das die nächsten 20 oder 30 Jahre Bestand hat." Kiel (rd.de) – Der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst mahnt in einer Pressemitteilung, Rettungsassistentinnen und Rettungsassistenten würden nicht zuletzt wegen des Notarztmangels immer öfter in eine rechtliche Grauzone gedrängt, weil sie Maßnahmen ergreifen müssen, die dem Arzt vorbehalten sind. Hintergrund sind offenbar Vorbehalte der Ärzteschaft gegen ein erweitertes Maßnahmenspektrum, wie es der bislang diskutierte Entwurf der neuen Ausbildungsziele für Rettungsassistenten vorsieht.

Zu diesem Thema sprach Rettungsdienst.de mit Marco K. König, dem Vorsitzenden des Deutschen Berufsverband Rettungsdienst e. V. (DBRD).

rd.de: Warum hat der DBRD sich mit einer Pressemitteilung nochmals an die Öffentlichkeit gewandt, die den Zwiespalt beschreibt, in dem Rettungsassistenten stecken, wenn es dringend geboten scheint, Maßnahmen zu ergreifen, die eigentlich Sache eines Arztes sind?

König: Weil wir glauben, dass das Problem nicht ausreichend betrachtet wird. Was macht man zum Beispiel bei schweren Schmerzzuständen, wenn klar ist, dass der Notarzt noch weit mehr als zehn Minuten zum Einsatzort brauchen wird. Wir benötigen ein neues Rettungsassistentengesetz aber wir wollen ein Gesetz, das die nächsten 20 oder 30 Jahre Bestand hat.

rd.de: Ihr Verband ist doch an den Verhandlungen zum neuen Rettungsassistentengesetz beteiligt. Wir dachten, die Lösung dieser Probleme sei auf dem Weg?

König: Seit 2008 befassen wir uns in der Expertengruppe mit der Novellierung des RettAssG im Bundesgesundheitsministerium. In der Expertengruppe geht es um die Ausbildungsziele, die Struktur und die Finanzierung. Das Ende ist noch nicht absehbar. Offensichtlich wird von ärztlichen Standesverbänden das Ausbildungsziel in Frage gestellt. Aus unserer Sicht ist das neue Gesetz aber nutzlos, wenn die bisher formulierten Ausbildungsziele nicht erreicht werden.

rd.de: Welche Verbände sind das und wie lauten die Einwände?

König: Das wissen wir nicht. Wir haben gehört es gibt Probleme beim Begriff der invasiven Maßnahmen. Das Schreiben mit den Einwänden ging nur an das Bundesgesundheitsministerium, es ist uns nicht zur Kenntnis gebracht worden. Das ist eine Abweichung von den sonst geltenden Spielregeln.

rd.de: Und Sie befürchten nun, die Rechtsunsicherheit beim Ergreifen von erweiterten Maßnahmen durch Rettungsassistenten wird trotz intensiverer Ausbildung bestehen bleiben?

König: Ja. Das neue Gesetz soll den Beruf der Rettungsassistentin und des Rettungsassistenten ja attraktiver machen, weil der Rettungsassistent in bestimmten Situationen effektiver helfen darf. Wenn das neue Gesetz diesen sicheren Handlungsspielraum nicht bringt, dann ist die Aufwertung des Berufs durch eine dreijährige Ausbildung überflüssig.

rd.de: Konnte das Urteil des Arbeitsgericht Koblenz hier nicht für mehr Klarheit sorgen. Immerhin erklärte das Gericht Ende 2008 eine fristlose Kündigung eines Rettungsassistenten in Rheinland-Pfalz wegen Analgetikagabe für nichtig. Die Garantenstellung des Rettungsassistenten wurde dadurch gestärkt.

König: Man hat das Urteil zur Kenntnis genommen, aber seine Signalwirkung war gering. Was mich an Fällen wie in Rheinland-Pfalz ärgert, ist eigentlich, dass man solche Fragen arbeitsrechtlich zu ahnden versucht. Wenn ein Arzt der Meinung ist, es sei ein Behandlungsfehler zum Nachteil des Patienten gemacht worden, dann muss hier Strafanzeige gestellt werden. Daraus ein Verfahren vor dem Arbeitsgericht zu machen, ist schon grotesk.

rd.de: Aber ist nicht der Einwand der Ärzteschaft gerechtfertigt? Macht eine Rettungsassistentin oder ein Rettungsassistent mit erweiterten Handlungskompetenzen den Notarzt nicht zusehends überflüssig und haben wir hinterher einen Rettungsdienst mit weniger Behandlungsqualität für den Patienten?

König: Ich denke, hier spiegelt selbst die offizielle Position der Notarztvereinigungen nicht zwingend die Meinung der Notärzte im Einsatz wieder. Muss man Nachts um drei einen Notarzt holen, weil man zur Absicherung einen venösen Zugang am Patienten haben möchte? Muss der Arzt hierfür gebunden werden, sodass er bei anderen zwingenden Notfällen nicht zur Verfügung steht? Solche Aspekte finden sich in den Argumenten der Notarztverbände nicht wieder.

Die Qualität im Rettungsdienst ist nicht in Gefahr, weil die Ausbildung und Kontrolle der Rettungsassistenten deutlich steigt. In Mittelhessen gibt es zum Beispiel das Analgesieprojekt, also die Morphingabe durch Rettungsassistentinnen und Rettungsassistenten. In mittlerweile über fünf Jahren gab es nicht einen Zwischenfall.

rd.de: Drängen wir den Notarzt aus dem Rettungsdienst?

König: Nein, die Notarztstandorte werden bleiben. Wenn wir weniger Notärzte im Rettungsdienst haben, liegt das daran, dass wir nicht genug Notärzte bekommen und nicht weil die Rettungsassistenten ein notarztfreies System wollen.

rd.de: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die weiteren Verhandlungen.

6 Responses to “Ziele des neuen RettAssG in Gefahr?”

  1. schdaeff on Mai 18th, 2010 19:15

    Gut, dass die Notärzte auf der Straße die Situation oft anders sehen als die grauen Eminenzen Ihrer – angeblichen – Interessensvertretung. Hier wird erwartet, dass der Rettungsassistent alle Maßnahmen ergreift, die er beherrscht und die dem Patientenwohl dienen. Und genau darum geht es ja schließlich.

    Nein, auch ich bin gegen ein reines Paramedic-System in Deutschland. Jeder Rettungsassistent sollte weiterhin die Möglichkeit haben, einen kompetenten Notarzt hinzuzuziehen. Die Betonung liegt aber eindeutig auf „kompetent“. Was nützt die Nachforderung eines Notarztes, wenn der die Maßnahmen, die manch ein Vertreter der Ärzteschaft dem Rettungsassistenten nicht zugestehen will, nicht annähernd beherrscht und diese dann eben doch vom „Nicht-Arzt“ durchgeführt werden muss?
    Notarzt: ja! Dann soll aber auch der Patient einen Vorteil davon haben. Dann soll der Patient mit komplexer Rhythmusstörung auch einen Kardiologen als Notarzt bekommen können. Um „schnell in die Klinik zu fahren“ benötigt niemand einen Notarzt und doch ist das oft die einzige Maßnahme, die von diesem veranlasst wird.

    In meinem Rettungsdienstbereich ist das Niveau, auf dem die RAs arbeiten sehr hoch. Das liegt unter anderem auch daran, dass es bei uns KEINEN ärztlichen Leiter gibt. Der Patient bekommt das, was er in seiner Situation braucht (ja, vor allem auch (S-)Ketamin, geschätztes Innenministerium Rheinland-Pfalz!) und nicht das, was manch ärztlicher Leiter oder manches Ministerium für gut befindet.

    Wenn jetzt noch eine vernünftige, nicht ärztlich dominierte, sondern ärztlich unterstützte Berufsausbildung kommen würde, dann hätte vor allem einer wirklich gewonnen: der Patient.

  2. Status3 on Mai 18th, 2010 20:10

    „Dann soll der Patient mit komplexer Rhythmusstörung auch einen Kardiologen als Notarzt bekommen können.“ Ihnen ist aber schon klar, dass diese Forderung vollkommen unrealistisch ist?

  3. schdaeff on Mai 18th, 2010 21:50

    Die konkrete Forderung mag unrealistisch sein. Die sinngemäße Botschaft bleibt.

  4. Fuso31 on Mai 22nd, 2010 12:35

    Welch sinnlose Diskussion die hier seit Jahren geführt wird. Auch wenn sich der DBRD redlich bemüht änderungen herbei zu führen, so wird sich Politisch nichts ändern, da nicht wirklich gewollt.

    Die Novelierung des RettAssG bringt höchstens Rechtssicherheit. Allerdings keine Garantie für einheitliche Ausbildung und Menschliche Eignung für den Beruf. Rettass ist nicht gleich RettAss. Wenn ich hier lese das Ketamin S gegeben wird,so hoffe ich das dies in zusammenhang mit Dormicum gegeben wird. Weil der Psychischen belastung ist es egal ob sich das Molekül links oder rechts rum dreht.Nicht jeder RettAss sollte Medikamente spritzen. Dafür gibt es zu viele HEISSKISTEN im Rettungsdienst.

    Ohne Ausbildung in Invasiven Maßnahmen und regelmäßiger Prüfung sollten solche Spielchen gelassen werden.

  5. charlie-zulu on Mai 24th, 2010 21:46

    ..und wer prüft die Notärzte?

  6. RescueMed on Juni 2nd, 2010 11:04

    Ich gebe meinem Vorkommentator in Sachen sinnloser Diskussion recht. Nicht nur das, das ganze sich seit Jahren hinziehende Unterfangen erscheint mir mittlerweile sinnlos und wird von mir (seit mehreren Jahren in der Schweiz tätig)nur noch eher belustigt verfolgt.

    Nicht nur die Ärztlichen Standesorganisationen, auch Eure eigenen Arbeitgeber, in den meisten Fällen die „etablierten“ Hilfsorganisationen, sind in keinster Weise an einem „Fachberuf“ im Rettungsdienst mit klar zugestandenen Kompetenzen und entsprechenden Regelungen interessiert. Warum- ??
    Der „billige“ Kofferträger und „Krankenwagenfahrer“ tut es doch bisher genauso, des weiteren hält man die Tür für die Ehrenamtlichen weiter offen. Wer besser ausgebildet ist und mehr Verantwortung übernimmt, der will natürlich auch besser verdienen, und lässt sich auch nicht mehr mit Zeitarbeitsverträgen abspeisen.

    Zuerst einmal sollten diese Baustellen abgearbeitet werden. Dann kann man nach den Sternen greifen!

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