Wenn die Psyche Hilfe braucht


Berlin/Heide/Pinneberg (idw/pr) – Der kommende Samstag (10. Oktober) gilt als der internationale Tag der seelischen Gesundheit. Aber bereits in den Tagen davor und danach (5. – 11. Oktober) finden anlässlich dieses Welttages auch in Deutschland zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen statt. Gemeinsames Ziel aller Events: Über Aspekte der Prävention und Therapie psychischer Erkrankungen zu informieren und auf die Belange psychisch erkrankter Menschen aufmerksam zu machen. Auch Mitarbeiter des Rettungsdienstes sollten sich mit diesem Thema beschäftigen – allein schon unter dem Aspekt Eigenfürsorge.

Schwerverletzte, kranke Kinder, menschliches Leid – was Mitarbeiter von Rettungsdienst, Polizei oder Feuerwehr immer wieder zu sehen bekommen, belastet zunehmend auch die erfahrensten Einsatzkräfte. Stress und seelische Belastungen sind die „Begleiter“ derjenigen, die immer als Erste am Ort des Geschehens sein müssen.

Dabei müssen es gar nicht einmal dramatische Ereignisse sein, die zum Trauma für die Rettungskräfte werden. Ein Paar Kinderschuhe, eine Patientin im Alter der eigenen Mutter – oft ist die persönliche Betroffenheit Auslöser für eine besondere Stresssituation. Und nicht immer gelingt es, die Erlebnisse eines Tages zu verarbeiten. Dann brauchen die Helfer selbst Hilfe.

Die Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) beispielsweise verfügt für solche Fälle über ein SbE-Team. Erfahrene Einsatzkräfte und psychosoziale Fachkräfte helfen bei der „Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“.

„Wir können die Kollegen mit ihren Problemen nicht allein lassen. Unsere Rettungsassistenten können ihre Erlebnisse und Gefühle schließlich nicht einfach nach dem Dienst mit der Jacke in den Spind hängen. Wir müssen deshalb fundierte Angebote zur Stressbewältigung machen“, erläutert RKiSH-Geschäftsführer Michael Reis. Das Angebot erstreckt sich dabei  nicht nur auf die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes, sondern auch auf Polizei und Feuerwehr. Die Einrichtungen der verschiedenen Organisationen unterstützen sich gegenseitig auch bei der Einsatznachsorge.

Neben den erfahrenen und speziell geschulten Kollegen, den so genannten „Peers“, gehören auch Psychologen, Sozialpädagogen und Seelsorger zum SbE-Team. Durch die Rettungsdienst-Kooperation können diese Angebote flächendeckend und über die Organisation hinaus in den Kreisen Pinneberg, Steinburg, Dithmarschen und Rendsburg-Eckernförde angeboten werden.

Die Häufigkeit der SbE-Einsätze hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Häufigkeit belastender Einsätze gestiegen ist. „Wir erkennen, dass die Akzeptanz zunimmt und auch die Einsicht, nicht alleine das Erlebte verarbeiten zu müssen. Wesentlich ist dabei die Erkenntnis, dass auch die Kollegen ähnlich empfinden. Das Bild des unerschütterlichen Retters, an dem jegliches Leid abprallt, gehört mittlerweile der Vergangenheit an“, beschreibt Thomas Neuss, der bei der RKiSH im Team aktiv ist, die Situation.

Die Mitglieder des SbE-Teams arbeiten absolut vertraulich, ohne Notizen und Vermerke. Sie bieten verschiedene Gespräche an, die von einer Kurzbesprechung bis zu verschiedenen Nachfolgeangeboten reichen. Präventive Fortbildungsmaßnahmen sollen zudem helfen, bereits im Vorwege die richtigen Strategien zu entwickeln. Und auch während  eines Einsatzes stehen SbE-Mitglieder zur Verfügung.

Wichtig ist Thomas Neuss die frühzeitige Erkennung von Belastungssymptomen: „Die Kollegen sollten nicht zu lange warten, bevor sie SbE in Anspruch nehmen. Wer zum Beispiel Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen oder verändertes Essverhalten bei sich bemerkt, zeigt typische Reaktionen von normalen Menschen auf unnormale Ereignisse. Oft helfen dann Gespräche mit Experten.“ Dabei gilt jedoch: Niemand wird zu etwas gezwungen. Das Team garantiert Vertraulichkeit und bietet auch keine Psychotherapie im engeren Sinne an.

Die Zuständigkeit des SbE erstreckt sich jedoch auf die Einsatzkräfte. Für Opfer und Zeugen, als Betroffene, ist die Notfallseelsorge vorgesehen. Sie wird im Zweifel von den Rettungsdiensten vor Ort angefordert.

Dabei sollte man wissen: Fast jeder Dritte leidet einmal in seinem Leben an einer behandlungsbedürftigen, psychischen Erkrankung. Rund zehn Prozent der Fehltage bei den aktiv Berufstätigen gehen auf Erkrankungen der Psyche zurück. Mittlerweile zählen Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien weltweit zu den häufigsten Erkrankungen. Schon lange sprechen Experten von Volkskrankheiten. Doch erst in den letzten Jahren wird dieses Problem auch zunehmend in der Gesellschaft diskutiert.

Die Internetseite www.aktionswoche.seelischegesundheit.net des Aktionsbündnisses für Seelische Gesundheit bietet einen Überblick über die zahlreichen Aktivitäten in der Woche vom 5. bis 11. Oktober 2009. Allein in Berlin finden über 150 Veranstaltungen statt.

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