Weihnachten bei den Seenotrettern


Vormann Jörg Bünting (r.) und seine Kollegen in der Messe des SK "Hermann Helms". Foto: DGzRS BremenBremen (DGzRS) – An Bord der Seenotkreuzer und Seenotrettungsboote geht der Dienst während der Feiertage genauso weiter wie in der Seenotleitung Bremen. Die Rettungsmänner gehen ihren ganz normalen Wachtörn, egal, ob es Heiligabend, ein Weih­nachtsfeiertag, Silvester oder Neujahr ist. Natürlich gibt es an Bord einen kleinen Weihnachts­baum, den die Seenotretter in der Messe aufgestellt oder am Masttop befestigt haben. Doch was sich idyllisch und romatisch anhört, kann schlagartig zum Ernstfall werden. Immer wieder, so bestätigt der Blick in die Einsatzberichte, werden die Seenotretter auch an diesen Tagen zum Einsatz in den Wintersturm auf Nord- und Ostsee gerufen. 

Zum Beispiel am zweiten Weihnachtstag 2001…

…als ein Flugzeug auf dem Flug von Bremerhaven nach Wangerooge in die Weser abstürzt. An Bord: Gäste aus dem Binnenland, die zum Jahreswechsel den Urlaub auf der Nordseeinsel verbringen wollten, und ein junger Koch auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte. In Zusammenarbeit mit zahlreichen anderen Schiffen suchen die See­notkreuzer „Hermann Rudolf Meyer“ und „Vormann Steffens“ nach den Ver­missten. Immer wieder erschwert Schneetreiben die Rettungsmaßnahmen; in der Weser bei Bremerhaven werden Wassertemperaturen um 3 Grad Celsius gemessen. Am Abend des 26. Dezember 2001 steht fest, dass lediglich eine Frau aus Franken gerettet wer­den konnte.

 Zum Beispiel am 22. Dezember 1999…

…als gleich drei Einheiten der DGzRS-Rettungsflotte in den Einsatz gerufen werden, bei starken Winden aus nord­westlicher Richtung und Temperaturen um den Gefrierpunkt. In Höhe der Schleimündung schleppt das Seenotrettungsboot „Arthur Menge“ von der Station Schleswig ein 20 Meter langes Segelschiff frei, das in einem Eisfeld festgekommen ist. Bei extremem Niedrigwasser wiederum vor der Insel Am­rum ist die Fähre „Schleswig-Holstein“ auf Grund gelaufen. Dem Seenotkreuzer „Eiswette“ gelingt es, das Schiff in das angestiegene Fahrwasser zu ziehen. Vor Sylt treibt unterdessen ein niederländischer Fischkutter manövrierunfähig in der See, der von dem Seenotkreuzer „Hans Lüken“ auf den Haken genommen und in den Schutz­hafen eingeschleppt wird.

 Zum Beispiel Heiligabend 1997…

…als um 5 Uhr in der Frühe die Besatzung des Seenotkreuzers „Hermann Helms“ zu einem russischen Frachter in der Elbmündung gerufen wird. An Bord war ein Kind erkrankt, das dringend in ein Krankenhaus an Land gebracht werden muss. Trotz bewegter See gibt es bei der Übernahme des jungen Patienten und seiner Mutter keine Probleme. Das Weihnachtsfest verbringen beide in ungewohnter Umgebung: im Cuxhavener Krankenhaus.

 Zum Beispiel am zweiten Adventswochenende 1995…

…als „wir von Jade Traffic, der Revierzentrale, Info bekommen“ erinnert sich der Vor­mann: „Fischkutter brennt – sechs Leute an Bord!“ Der Seenotkreuzer „Vormann Steffens“ von der Station Hooksiel läuft durch pottendicken Nebel zur angegebenen Position. Die Zeit drängt: An Bord des Havaristen drohen Gasflaschen zu explodieren. Und von See in die Jade einlaufend befindet sich ein Großtanker. Der brennende Kutter treibt manövrierunfähig auf eine Ölpier zu. Im letzten Augenblick kann eine Schleppverbindung hergestellt werden. Die Seenotretter – und die Geret­teten – atmen auf. Keiner verletzt, Schaden in Grenzen gehalten.

 Zum Beispiel in der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 1995…

…als der Seenotkreuzer „Aklfried Krupp“ von einem Einsatz für einen vermissten niederländischen Kollegen kommend Kurs auf den Heimathafen Borkum nimmt. Im orkanartigen Sturm wird das Schiff von mehreren, etwa 15 Meter hohen Grundseen er­wischt und kentert durch. Zwei Seenotretter der vierköpfigen Besatzung der „Alfried Krupp“ verlieren bei diesem Unglück ihr Leben.

 Zum Beispiel am 5. Dezember 1994…

…als auf dem Seenotkreuzer „Vormann Jantzen“ am Liegeplatz in Warnemünde das Telefon klingelt: „Mein Mann ist noch draußen!“ Seine Frau hatte ihn vormittags mit Gästen in einem offenen Fischerboot auslaufen sehen. Später stellt sich heraus, dass wegen unsichtigen Wetters und nicht vorhandenem Kompass und Radargerät das Boot den Kurs auf die offene See genommen hatte – dorthin, wo auch die großen Passagierfähren verkehren. Die Seenotretter finden die Vermissten und geben dem verirrten Boot Sicherungsgeleit. Gegen 23.30 Uhr ist der Einsatz beendet.

 Zum Beispiel am 29. Dezember 1992…

…wandert ein Ehepaar aus Kornwestheim durch das Borkumer Watt, Richtung See­hundsplate. Es ist ungemütlich, nasskalt, diesig. Unbemerkt läuft das Wasser auf – die Flut kommt, und plötzlich sind die Beiden vom Wasser eingeschlossen. Alarm für den Seenotkreuzer „Alfried Krupp“. Vor Ort wird das flachgehende Tochterboot „Glückauf“ zu Wasser gelassen. Den Wattwanderern steht das drei Grad Celsius kalte Nord­seewasser buchstäblich „bis zum Hals“. Schnell werden sie von den Rettern aufgenommen und im Bordhospital versorgt.

 Zum Beispiel am zweiten Weihnachtstag 1984…

…als 20 Seemeilen nordwestlich der ostfriesischen Insel Borkum der Frachter „Blue Spirit“ in Brand geraten ist. Die Seenotkreuzer „Georg Breusing“ , Station Borkum, und „Wilhelm Kaisen“, Station Helgoland, bringen während eines stundenlangen, mühsamen Einsatzes bis in die frühen Morgenstunden immer wieder auflodernde Brände unter Kontrolle. Ein Schiffbrüchiger kommt ums Leben, die übrige Crew des Havaristen ist in Sicherheit. Umweltschäden größeren Ausmaßes können dank des beherzten Eingreifens der Seenotretter vermieden werden.

 Zum Beispiel am 1. Weihnachtstag 1968…

…als die Besatzung des in Cuxhaven stationierten Seenotkreuzers „Arwed Emminghaus“ bei acht Windstärken in die Außenelbe laufen muss. Im Sturm ist der Frachter „Njandoma“ gestrandet: Grundberührung, Wassereinbruch. Das Schiff muss aufgegeben werden. In zwei Anläufen gelingt es, die Besatzung abzubergen. Schwere Grundseen, stürmisches Wetter, Schneeböen und klirrende Kälte – trotz widrigster Umstände werden 24 Seeleute gerettet.

 Zum Beispiel am 23. Dezember 1949…

…als kurz nach dem Mittagessen das Motorrettungsboot „Norderney“ um Hilfe ge­rufen wird. Ein Schleppdampfer ist auf Grund gelaufen. In der hohen Brandung arbei­tet der Havarist schwer. Dennoch gelingt es, zunächst 13 Mann und später weitere drei Mann zu retten. Gezeitenwechsel, eisiger Nordostwind und diesige Sicht er­schweren die Arbeit. Der Einsatzbericht schließt mit den Worten: „Am 26. Dezember morgens war der holländische Schlepper vollkommen unter Wasser und nur der Schornstein und die Masten ragten heraus.“

 Zum Beispiel am 2. Weihnachtstag 1880…

…als die Besatzung des Ruderrettungsbootes „Vegesack“ von der Station Horumersiel zwei Schiffbrüchige in Sicherheit bringt, die von der gestrandeten Tjalk „Freund­schaft“ in die kalte Nordsee gestürzt waren. Bei stürmischen Wetter und hohen Brechern dauert die Rettungstat über 24 Stunden. Das Rettungsboot wird dabei mehrfach auf die Seite geworfen und setzt hart durch, sodass sieben der acht Seenotretter in die See geschleudert – und gerettet – werden. Der Vormann berichtet später: „Eine mühevollere und gefährlichere Rettungsfahrt ist wohl noch nicht gemacht worden; gerade im Begriff, zwei Menschen zu retten, wären beinahe sieben Mann verloren gewesen.“

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