Versorgungsstrukturgesetz kann Rettungsdienste entlasten


Bremen (rd.de) – Der Deutsche Bundestag hat mit seiner Zustimmung zum Versorgungsstrukturgesetz eine wichtige Weichenstellung zur Anpassung der medizinischen Versorgung ländlicher Regionen an die demografische Entwicklung vorgenommen. Sollten die nun verabschiedeten Maßnahmen zu einer Stärkung der wohnortnahen medizinischen Versorgung führen, könnte das auch Auswirkungen auf den Rettungsdienst haben.

Besonders in den neuen Bundesländern ist die hausärztliche Versorgung ein zunehmendes Problem. Die Landärzte denken an Ruhestand, doch ein Nachfolger für die Praxen ist selten in Sicht. Für junge Ärzte ist die Umgebung wenig attraktiv. Hinzu kommt, dass viele der alten Patienten mit Hausbesuchen erreicht werden müssen. Die dadurch anfallenden Kosten werden aber von den Krankenkassen nur unzureichend vergütet.

Vermeidbare Rettungsdiensteinsätze

Diese Entwicklungen sind am Rettungsdienst nicht spurlos vorbeigegangen. Teilweise steigen die Einsatzzahlen trotz schrumpfender Bevölkerung. Die Lücken in der hausärztlichen Versorgung machen den Rettungsdienst zum einzigen verfügbaren medizinischen Ansprechpartner weit und breit.

Das neue Versorgungsstrukturgesetz gibt der Selbstverwaltung im vertragsärztlichen Bereich Instrumente an die Hand, Versorgungslücken im ambulanten Sektor insbesondere in ländlichen und strukturschwachen urbanen Regionen zu schließen. Damit soll auch die Inanspruchnahme aufwändigerer Versorgungen vor allem im Bereich der stationären Versorgung und der Versorgung mit Notfall- und Rettungsdiensten reduziert werden. Der Gesetzgeber hofft, dass die Mehrkosten von rund 200 Millionen Euro, mit denen die Tätigkeit von Landärzten gefördert werden soll, im Bereich der Krankenhausversorgung und bei den Rettungsdiensten wieder eingespart werden können. Eine wohnortnahe haus- und fachärztliche Versorgung vermeidet schließlich Krankenhauseinweisungen, Krankentransporte und Notfalleinsätze.

Weitere positive Effekte erhofft man sich über eine effizientere Organisation von ärztlichen Notdiensten außerhalb der Sprechzeiten. Das neue Gesetz erlaubt hier ausdrücklich Kooperationen und eine organisatorische Verknüpfung mit Krankenhäusern, zum Beispiel durch die Einrichtung von Notfallpraxen. Bei der Einsatzdisposition sind organisatorische Verknüpfung mit dem Rettungsdienst möglich.

Chance für stärkere Einbindung vertan

Bei einer kürzlich veranstalteten Podiumsdiskussion des DRK-Bildungswerkes in Thüringen äußerten die dort versammelten Experten ihr Bedauern darüber, dass die Potenziale des Rettungsdienstes für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum nicht stärker in den Gesetzentwurf Eingang gefunden hätten. Die Anerkennung des Rettungsdienstes als eigenständige vorklinische Versorgungsleistung nach SGB V hätte hierfür nach Ansicht des DRK-Landesverbandspräsidenten Gerhard Günther neue Möglichkeiten eröffnet. „Gerade in ländlichen Gebieten mit abnehmender Ärztedichte“, so Günther, „könnten aber die rettungsdienstlichen Strukturen die Versorgungsqualität verbessern.“

Thomas Hirsch vom Innenministerium Thüringen gab jedoch zu bedenken, dass eine zu enge Einbindung des Rettungsdienstes in das Gesundheitswesen zu einer Störung der Verzahnung mit dem Katastrophenschutz führen könnte.

Fest steht: Die Notfallrettung bleibt beim Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen weitgehend außer Betracht. Nur wie könnte eine Einbindung des Rettungsdienstes in die medizinische Gesundheitsversorgung vor Ort in der Praxis aussehen? Sollen NAWs als Hausbesuchsdienst über die Dörfer tingeln?

„So ist das nicht gemeint“, erklärt Wolfgang Kast vom Team Rettungsdienst im DRK-Generalsekretariat, der ebenfalls an der Podiumsdiskussion teilnahm. „Wäre der Rettungsdienst eine Versorgungsleistung, müssten die Einsätze nicht stets im Krankenhaus enden. Ein Hausarzt könnte die technischen Einrichtungen des Rettungswagens zur Untersuchung und Diagnose nutzen.“ Solange der Rettungsdienst nur Transportleistung sei, habe man solche Möglichkeiten nicht.

Die Nichtbeachtung der Möglichkeiten des Rettungsdienstes wirft zudem einen Schatten auf die seit Jahren geplante Novellierung des Rettungsassistentengesetzes. Für den reinen Personentransport braucht man keine Mitarbeiter, die einen Heilberuf ausüben.

3 Responses to “Versorgungsstrukturgesetz kann Rettungsdienste entlasten”

  1. Achim on Dezember 9th, 2011 21:48

    Auch hier gilt der eiserne Grundsatz: Tradition ist uns Fortschritt genug.

    Kaum zu glauben.

  2. der Münchener on Dezember 10th, 2011 14:59

    „Ein Hausarzt könnte die technischen Einrichtungen des Rettungswagens zur Untersuchung und Diagnose nutzen.“
    Hurra, es gibt ja heute schon Schichten, wo man den ganzen abend lang hinter dem ABD nachfährt und abtransportiert. Nun wird man mitten in der Nacht zum EKG schreiben gerufen, beim Nächsten zum Kathederwechsel vor Ort.
    Besser nicht zum Gehilfen der Kassenärztlichen Vereinigungen machen. Die Trennung ist schon gut.

  3. Johanniter-Ritter on Dezember 12th, 2011 09:16

    „Die Nichtbeachtung der Möglichkeiten des Rettungsdienstes wirft zudem einen Schatten auf die seit Jahren geplante Novellierung des Rettungsassistentengesetzes. Für den reinen Personentransport braucht man keine Mitarbeiter, die einen Heilberuf ausüben.“ Yepp, back to the roots! Nicht mehr der gut ausgebildete Rettungsassistent scheint zukünftig gefragt zu sein, sondern der „Krankenträger“ aus der guten alten Zeit! Der „Medicus“ vor Ort hat ja seinen Patienten bereits vor-behandelt und transportfähig gemacht. Spart dem Gesundheitssystem sicherlich viiiiiiiiiiiiiiel Geld!

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