Frühchen-Transport: Was Rettungsdienst-Mitarbeiter wissen müssen


Ueberlebenschance_Fruehchen_1_580Lübeck (pm) – Frühchen sind oftmals ein Grund, dass der Rettungsdienst alarmiert wird. Meist treten unerwartet heftige Wehen bei der Mutter auf. Die Schwangere wird dann vielfach in die örtliche Klinik gebracht. Später erfolgt die Verlegung in eine Spezialklinik. Und die Überlebenschance? Frühchen haben heute grundsätzlich eine deutlich bessere Prognose, wie dieser Bericht zeigt.

Der Rettungsdienst bringt eine werdende Mutter ins örtliche Krankenhaus. Die Fruchtblase ist geplatzt. Viel zu früh. Per Kaiserschnitt holen die Ärzte das Kind. Das Geburtsgewicht beträgt nur 470 Gramm– nicht einmal so viel wie eine halbe Milchtüte wiegt.

Das Frühchen (24. SSW) atmet schwach. Seine Haut ist noch sehr dünn; der Körper sieht dunkel aus. Durch die pergamentartige Oberfläche schimmern die Blutbahnen und verleihen dem Frühchen die charakteristisch rotbraune Hautfarbe. Ungeschützt würde der kleine Körper außerhalb des Bauchs der Mutter innerhalb weniger Minuten auskühlen.

Frühchen: Überlebenschance steigt

Das örtliche Krankenhaus versorgt das Frühchen so gut es geht. Über eine eigene neonatologische Intensivstation verfügt die Klinik aber nicht. Rasch wird daher der Transport in die nächstgelegene Spezialklinik für Frühgeborene vorbereitet. Sie ist 30 Kilometer entfernt. Der Baby-Notarztwagen ist bereits angefordert.

Alles läuft routiniert ab. Eine halbe Stunde später steht der Baby-Notarztwagen bereit. An Bord befindet sich ein Intensivpflegeteam für Frühchen. Bei besonders kleinen Frühchen begleitet neben einer Kinderkrankenschwester und dem Notarzt ein Neonatologe den Transport.

Das Transportsystem für Frühchen ist ein stabiler Metallrahmen, der auf das Fahrgestell einer Krankentrage montiert ist. Das System besteht im Einzelnen aus:

  • bis zu vier Atemgasflaschen,
  • einem Monitor,
  • einem mobilen Beatmungsgerät,
  • einem Regalsystem für Infusionspumpen und
  • dem speziellen Transportinkubator,

in den die Kinderkrankenschwester jetzt das Frühchen legt. In der doppelwandigen Box aus Plexiglas ist das Zusammenspiel von Temperatur, Sauerstoffgehalt, Akustik und Licht genau aufeinander abgestimmt. Vom mobilen Beatmungsgerät führt der Beatmungsschlauch durch eine kleine Öffnung der Inkubator-Haube zu den Atemwegen des Frühchens. Der integrierte Atemgasanfeuchter erwärmt und befeuchtet die Atemluft, sodass das Frühchen auch auf dem Transport eine Beatmungsqualität auf Klinikniveau erhält.

Gute Überlebenschance: Frühchen in der Mini-Neonatologie-Station

Ein neonatales Transportsystem umfasst alles, was ein Neu- oder Frühgeborenes auf seinem Weg in die Klinik braucht. Angefangen beim Transportinkubator, der für eine gleichmäßige Wärme bis 38 Grad Celsius sorgt, um das Baby vor dem Auskühlen zu schützen.

Da vor allem bei extremen Frühgeborenen (Frühchen, 24 SSW) die Lunge noch nicht vollständig ausgebildet ist, benötigen sie Atemunterstützung. Das gilt auch für Frühchen, bei denen das Surfactant, das die Lungenbläschen geöffnet hält, noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden ist. Ein besonders kompaktes Intensiv-Beatmungsgerät liefert wahlweise druck- oder volumenkontrollierte Atemhübe sowie aktive Anfeuchtung und Erwärmung der Atemluft.

Die Frühchen-Überlebenschance steigt nicht zuletzt durch solche Transportinkubatoren. Foto: Dräger

Die Frühchen-Überlebenschance steigt nicht zuletzt durch solche Transportinkubatoren. Foto: Dräger

Für Babys, die schon selbstständig atmen können, bietet das Beatmungsgerät Modi an, die spontan Atemzüge zwischen den maschinellen Hüben oder auch eine vollständige Eigenatmung zulassen und unterstützen. Die für die Beatmung benötigten Gasflaschen befinden sich beim Dräger Globe-Trotter GT5400-Transportsystem in einer Ablage unter dem Transportinkubator. Bis zu vier angeschlossene Flaschen mit Gasen wie Luft und Sauerstoff können hier untergebracht und bei Bedarf herausgezogen werden. Das Transportsystem zeigt ihren aktuellen Füllstand laufend auf einem Display an der Vorderseite.

Frühchen-Transport im Rettungshubschrauber

Kurz vor Fahrtbeginn meldet die Leitstelle einen Stau auf der geplanten Route. Das Team muss umdisponieren. Der Transport soll jetzt mit einem Rettungshubschrauber erfolgen.

Der Baby-Notarztwagen fährt zum nahegelegenen Landeplatz. „In solchen Situationen kann viel Zeit verloren gehen, wenn beispielsweise das Frühchen aus dem Inkubator für Baby-Notarztwagen erst noch in einen Transportinkubator für Hubschrauber und Flugzeuge umgelagert werden muss“, berichtet Peter Dietl von Dräger, der auch als Rettungsassistent im Einsatz ist.

Mittels eines Monitors kann der GT5400 das Überwachen der Kohlendioxid-Konzentration während der Beatmung ermöglichen. Optional liefert ein weiterer Bildschirm ständig Informationen über die Vitaldaten des Frühchens wie Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffkonzentration im Blut. Der Globe-Trotter GT5400 verfügt darüber hinaus über ein Regalsystem mit vier mechanisch gesicherten Halterungen für Spritzenpumpen.

Frühchen: Die Mutter bietet die beste Transportumgebung für das ungeborene Kind. Foto: Dräger

Frühchen: Die Mutter bietet die beste Transportumgebung für das ungeborene Kind. Foto: Dräger

„Früher gab es separate Transportsysteme für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. Das lag nicht zuletzt am unterschiedlichen Platzangebot der Fahrzeuge“, berichtet Dietl. Er weiß, wie sehr sich die Halterungssysteme für die Transportgestelle nicht nur zwischen Flugzeug und Rettungswagen, sondern auch zwischen den diversen Fahrzeugtypen unterscheiden. Der GT5400 ist ein universell einsetzbares Frühchen-Transportsystem, das sowohl zu Lande als auch in der Luft verwendet werden kann.

Sicher beim Transport

„Die Mutter bietet die beste Transportumgebung für das ungeborene Kind“, erklärt Dr. Jens Siegel, Oberarzt auf der Frühchen-Station des Kinder-und Jugendkrankenhauses „Auf der Bult“ in Hannover. Daher versucht er bei sich abzeichnender Frühgeburt möglichst das Baby noch „in utero“ – im Bauch der Mutter – in die Spezialklinik zu verlegen. So können nicht nur Kosten, sondern auch mögliche Komplikationen reduziert werden. Zu den Risikofaktoren zählen

  • Vibrationen,
  • Licht,
  • Geräusche und
  • Temperatur,

die beim Frühchen Stress hervorrufen können.

Einige Einflüsse hat Dr. Siegel untersucht. So seien Vibrationen am stärksten bei Frühchen-Transporten in einem normalen Rettungswagen, am wenigsten dagegen in einem Baby-Notarztwagen zu spüren.

Am stärksten würden Beschleunigungskräfte auf den kleinen Körper bei längs im Wagen eingebauten Transportinkubatoren wirken. Besser wäre es daher, Transporte möglichst quer zur Fahrbahn durchzuführen.

„Wenn ein Transport notwendig ist, sollte der Baby-Notarztwagen zudem so langsam wie möglich fahren. Bei ganz kleinen Frühchen sollte das Personal zusätzlich auch den Kopf halten, um die Erschütterungen weitgehend zu reduzieren“, so der Oberarzt. Doch auch Änderungen am Chassis, bei den Shock-Absorbern unter dem Inkubator oder am Schwingtisch könnten schon Verbesserungen bringen.

(Text: Lars Schmitz-Eggen, Chefredakteur www.rettungsdienst.de; Symbolfotos: Dräger; zuletzt aktualisiert: 15.12.2015)

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