Telemedizin gewinnt in Deutschland an Fahrt


Hannover (Messe/rd.de) – Ärzte kontrollieren Schrittmacher per Internet. Bei der Notfalltherapie von Schlaganfallpatienten hilft der Videodoktor. Die Telemedizin hält zunehmend Einzug in die Regelversorgung und ist eines der Schwerpunktthemen der kommenden TeleHealth 2009.

Die Telemedizin ist einer der Hoffnungsträger der CeBIT-Fachmesse in Hannover, denn hier erwartet die IT-Branche große Zuwäche und widmet dem Thema gleich eine internationale Kongressmesse. Einige Entwicklungen der TeleHealth 2009, die auch im Rettungsdienst Spuren hinterlassen können, haben wir an dieser Stelle ausgewählt.

Unter dem Schlagwort Telemedizin verstehen Ärzte und Gesundheits-IT-Experten medizinische Leistungen, die mit Hilfe von moderner Informations- und Kommunikationstechnik (ITK) auf Distanz erbracht werden. Solche „Fernbetreuung“ war lange Zeit nur unter experimentellen Bedingungen möglich. Rechtliche Fragen, vor allem aber Finanzierungsfragen waren ungeklärt. Das ändert sich gerade rapide.

Für die Fernabfrage von Medizingeräten erhalten Ärzte jetzt Geld

Bestes Beispiel dafür ist der neue Abrechungskatalog für die ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland, der im Jahr 2008 eingeführt wurde. Er enthält zum ersten Mal Abrechungsziffern, die es niedergelassenen Ärzten ermöglichen, Telemedizin zumindest in einigen Situationen nicht nur einzusetzen, sondern auch abzurechnen. So bieten mittlerweile praktisch alle Hersteller von Herzschrittmachern und implantierbaren Defibrillatoren Geräte an, die sich für Fernabfragen übers Internet eignen. Zu definierten Zeitpunkten funken diese Geräte Funktionsdaten an eine sichere Internetplattform. Die Daten geben Auskunft darüber, ob der Schrittmacher oder Defibrillator noch richtig funktioniert. Stimmt etwas nicht, wird der betreuende Herzspezialist per E-Mail, Telefon oder SMS informiert und kann den Patienten dann – und nur dann – in die Praxis bitten. Die Fernabfrage von Implantaten dürfte sich damit rasch als ein neuer Standard etablieren.

Künftig könnten also Klinikärzte den Rettungsdienst zum Zwecke der Notfalleinweisung alarmieren, ohne selbst vor Ort zu sein.

Live-Schaltung zur Tele-Gesundheitsschwester

Teleschwester Cornelia Menzel beim 1.000 Teleschwestern Hausbesuch

Teleschwester Cornelia Menzel beim 1.000 Teleschwestern Hausbesuch

Ebenfalls voran bringen könnte die Telemedizin in Deutschland die neue Möglichkeit zur Abrechnung von delegierten ärztlichen Leistungen, die derzeit geschaffen wird. Es handelt sich um eine Reaktion auf das Telemedizin-Projekt „Schwester Agnes“, das vor mehreren Jahren vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald gestartet worden war. „Schwester Agnes“ ist eine Gemeindeschwester, die mit einem Tablet-PC ausgerüstet ist und damit im Auftrag eines Arztes Hausbesuche bei bettlägerigen Patienten in Regionen mit niedriger Arztdichte macht. Den Anfang machte die Insel Rügen. Mittlerweile gibt es die „Tele-Gesundheitsschwester“, so der offizielle Name, auch in anderen Regionen Deutschlands. Die Dokumentation durch die Schwester geschieht am mobilen Rechner, und die Daten werden an den Praxis-PC des Arztes übermittelt. Der hat so jederzeit alle Informationen, die er benötigt, und bei Bedarf kann er sich sogar per Videoschaltung live in den Hausbesuch „einklinken“.

Kardiologie: Speerspitze der Telemedizin

Auch bei der telemetrischen Überwachung von Patienten mit chronischer Herzschwäche wird das Stadium der Pilotprojekte im deutschen Gesundheitswesen derzeit in großen Schritten verlassen. Jüngstes Beispiel ist das Ende Juni 2008 gestartete Telemonitoring-Projekt der AOK Plus in Sachsen, bei dem sich schwer herzinsuffiziente Patienten ein Jahr lang mit Hilfe einer digitalen Waage und eines digitalen Blutdruckmessgeräts überwachen lassen können. Die Werte werden verschlüsselt an ein telemedizinisches Zentrum weitergeleitet, das die Patienten telefonisch betreut und bei Bedarf den zuständigen Arzt oder die Klinik einschaltet. Ziel ist es, bedrohliche Wassereinlagerungen frühzeitig zu erkennen, um den Patienten durch rechtzeitige Umstellung der Therapie langwierige Klinikaufenthalte zu ersparen.

Ähnlich gelagerte Projekte gibt es mittlerweile über 20 in Deutschland. Ein Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen hat zahlreiche Krankenkassen unter Vertrag, die für Herzpatienten ähnliche Überwachungsprogramme anbieten. An der Charité Berlin und dem Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart engagieren sich die Barmer Ersatzkasse und die Bosch BKK in dem Versorgungsprojekt „Partnership for the Heart“. Dieses Projekt wird deswegen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, weil es als klinische Studie konzipiert ist, die im Jahr 2009 die Daten für eine ambulante Abrechnungsziffer „Telemonitoring“ liefern soll. Ähnlich wie bei den Schrittmachern und Defibrillatoren wäre dann auch die telemedizinische Betreuung bei Herzinsuffizienz endgültig in der Regelversorgung des deutschen Gesundheitswesens angekommen.

Blutzucker-Alarm!

Zwar gilt das Herz als das Telemedizin-Organ schlechthin. Aber allein auf weiter Flur ist es nicht mehr. Dank neuer Messgeräte wird die drahtlose Datenübertragung des Blutzuckers in Internetakten ohne erneute Eingabe der Messwerte langsam salonfähig. Bereits bei der TeleHealth 2008 hat das Unternehmen BodyTel ein entsprechendes System vorgestellt. (Siehe auch www.rettungsdienst.de/2008/10/09/… )

Für Krankenkassen wird die Fernüberwachung von Diabetikern wie bei Herzpatienten vor allem im Rahmen von integrierten Versorgungskonzepten interessant. Im Frühjahr wurden erste Ergebnisse der Diabetiva-Studie vorgestellt, bei der die telemedizinische Betreuung von Diabetikern medizinisch und ökonomisch evaluiert wird. Ergebnis: Die Zahl der Klinikeinweisungen lag nach einem halben Jahr um ein Fünftel niedriger als in der Kontrollgruppe, und die durchschnittliche Verweildauer in der Klinik sank gar um ein Drittel.

Schlaganfall: Mehr Lysen dank Liveschaltung zum Experten

Harte Daten über den medizinischen Nutzen der Telemedizin gibt es auch bei Schlaganfallpatienten. Hier hat sich vor allem das süddeutsche Schlaganfallnetz TEMPiS hervorgetan, das die Versorgung von Schlaganfallpatienten in kleinen Kliniken ohne eigene neurologische Abteilung verbessern will. Die Lysetherapie kann aber Komplikationen haben, sodass sich Nicht-Neurologen im Notfall oft nicht zu einer Entscheidung „pro Lyse“ durchringen können. Im TEMPiS-Netz wurden deswegen Videoverbindungen zwischen den kleinen Kliniken einerseits und zwei Schlaganfallzentren in München und Regensburg andererseits aufgebaut. Kommt ein Patient mit Schlaganfall in die Notaufnahme einer der kleinen Kliniken, wird eine Live-Schaltung zum Experten in München oder Regensburg hergestellt, der sich den Patienten und die Computertomographien des Kopfes dann unmittelbar ansehen und die Untersuchung begleiten kann. Die Entscheidung über die Therapie wird gemeinsam getroffen. Das wirkt: Ein Vierteljahr nach Einführung der Telekonsultationen konnte die Zahl der Patienten mit schlechtem Therapieergebnis um zehn Prozent reduziert werden. Die Quote der Patienten mit Lysetherapie stieg deutlich. Finanziert wird TEMPiS über eine Sonderpauschale, die mit den Krankenkassen ausgehandelt wurde.

An einem ähnlichen Projekt speziell für den Rettungsdienst arbeitet man in Magdeburg unter dem Projektnamen Aster. Aster entwickelt zusammen mit Notfallversorgern, Ärzten und Krankenkassen effektive Szenarien, in die ärtzliche Kompetenz der Stroke-Units in den RTW zu bringen und den dortigen Notarzt fachlichen Beistand zu bieten.

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