Strahlenangst verzögert Einführung des Digitalfunks


Bonn (rd.de) – Die Diskussion über die Schädlichkeit elektromagnetischer Strahlung ist nicht neu und tritt wissenschaftlich seit Jahren auf der Stelle. Trotzdem bringen Bürgerinitiativen neue Sendemasten für den BOS-Digitalfunk reihenweise zu Fall. Die Tetra-Funkverträglichkeit im Rettungsdienst ist hingegen noch nicht ausreichend untersucht.

Zeit ist Geld, auch beim Aufbau des digitalen BOS-Funknetzes in Tetratechnik. Doch offensichtlich hat man bei der Planung die möglichen Widerstände gegen neue Funkmasten innerhalb der Bevölkerung drastisch unterschätzt. Gerade in der Fläche stößt der Bund bei der Akquise von neuen Sendestandorten auf Granit. Der Umstand, dass die Standorte der Tetra-Basisstationen geheim gehalten werden sollen, schürt weiteres Unbehagen, ganz so, als wolle man den Bürgern die Funkantennen ungefragt vor die Nase setzen.

Mobilfunkgegner, die vor unsicheren Grenzwerten und unzureichenden Untersuchungen zu den Auswirkungen der Handy- und Polizeifunkstrahlung warnen, haben derzeit Hochkonjunktur. Die Gemeinderäte sehen sich schnell protestierenden Bürgerinitiativen gegenüber und schieben das Problem in die Nachbargemeinde. Doch eine Lösung ist das nicht.

Eine „Clearingstelle“ für Streitfragen wie beim kommerziellen Mobilfunk gibt es nicht. Die zuständige Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) in Berlin verweist auf die Fachleute der Landesprojektgruppen zur Digitalfunkeinführung.

Was ist dran an den Ängsten der Mastengegner?

Über die Kraft elektromagnetischer Felder entscheidet der Abstand zwischen Strahlungsquelle und Person. Ausgedrückt wird dieser Wert über die so genannte Leistungsflussdichte. Doch genau dieser Wert fällt bei verdoppelter Entfernung zum Quadrat ab. In der Folge sind die im Haushalt versammelten DECT-Schnurlostelefone, das eingeschaltete GSM-Handy und der WLAN-Router weit größere Strahlungsquellen, als ein Mobilfunkmast in Sichtweite der eigenen Wohnung.

Zudem wird das digitale BOS-Funknetz mit dem Ziel aufgebaut, das bestehende analoge Funknetz abzuschalten. Mittelfristig erzeugt der Digitalfunk keine Erhöhung des Elektrosmogs. Durch die vergleichsweise geringen Tetra-Sendeleistungen und die kürzere Wellenlänge werden allerdings mehr Standorte in den Siedlungsflächen erforderlich.

Die Funkmastkritiker machen geltend, dass der Tetra-Funk eine gepulste Strahlung aussendet – und die Basisstation sogar dann, wenn kein Funkgespräch stattfindet. Deshalb sind bei Tetra auch mögliche elektrophatologische Zusammenhänge, besonders dort, wo sich Frequenzpulse mit Neurotransmitterfrequenzen zur Steuerung von Hirn-, Herz- und Muskelaktivitäten überlagern, von Bedeutung.

Keine Beweise, viele Geschichten

Im Ergebnis gibt es für die von Mobilfunkgegnern beschworenen Zusammenhänge zwischen Funkstrahlen und Krankheiten wie Alzheimer, ADHS, Leukämie und einer erhöhten Krebsinzidenz von Anwohnern in der Nähe von Mobilfunkanlagen keine stichhaltigen Beweise, sondern nur unzureichend dokumentierte Einzelfallgeschichten. Bürgerbewegungen, die gegen die Errichtung von Funkmasten prozessieren, kassieren vor deutschen Gerichten regelmäßig Niederlagen, weil sich gesundheitlichen Bedenken nicht hinreichend belegen lassen.

„In den letzten 20 Jahren wurde an diesem Thema intensiv geforscht“, erklärt Professor Dr. Jiri Silny, Leiter des Forschungszentrums für elektromagnetische Umweltverträglichkeit (femu) an der RWTH Aachen. Etwas über 13.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen widmen sich den Fragen der Wirkung von Funkstrahlen auf den menschlichen Organismus. Die meisten evaluierten die technischen Parameter der GSM-Mobilfunknetze, die dem Tetra-BOS-Funk sehr ähnlich sind. „Es wurden keine Zusammenhänge zwischen den Basisstationen und gesundheitlichen Wirkungen auf den Menschen gefunden“, stellt der Wissenschaftler fest und hält diesen Bereich bereits für völlig überuntersucht. „Es wurde trotz gewaltigem finanziellen Aufwandes nicht ein nachvollziehbarer Wirkmechanismus gefunden.“

Stört Tetra-BOS Herzschrittmacher?

Für die Mobilfunkgegner ist Professor Silny freilich ein Rotes Tuch, ein „Industriewissenschaftler“, über den die notorischen „Elektrosmogvermeider“ eigene Schmähseiten führen. Doch Tetra-Entwarnung auf ganzer Linie mag selbst Professor Dr. Silny nicht geben. Gerade im Bereich Rettungsdienst sieht er noch Forschungsbedarf, sowohl bei der Frage nach möglichen Interferenzen und Störungen des Tetra-Funks mit medizinisch-technischen Geräten im Rettungswagen als auch bei der Behandlung von Patienten mit Herzschrittmachern.

Der niederfrequente Anteil der Tetra-Strahlung liegt bei etwa einem Hertz und damit möglicherweise in störender Nähe zum Schrittmacher. „Hier lassen sich Risiken nach heutigem Kenntnisstand nicht sicher ausschließen. Zwar verfügen moderne Implantate über koaxiale Filter zur Abschirmung, aber über die Wirksamkeit solcher Filter gegenüber Tetra-Strahlung ist bislang wenig bekannt.“

Weitere Informationsseiten:
Es gibt zahlreichen Informationsseiten rund um mögliche Gesundheitsrisiken von Tetra-Funk.

(19.04.2010)

One Response to “Strahlenangst verzögert Einführung des Digitalfunks”

  1. Anonymous on April 4th, 2012 11:45

    Aufgrund der momentanen Lage und der Idee einen Sendemasten in der 300-Meter-Zone vor unser Haus zu setzen, war der Artikel sehr hilfreich.

    Mich stört am meisten an dem Masten, dass er mitten zwischen Felder steht und somit mit seiner nicht unbedingt ausgefallenen Form das idyllische Ambiente bereichert.

    Den Sinn und Zweck eines solchen Mastens habe ich voll und ganz verstanden, wieso ich mich nicht auf die Seite der Gegener schlage und mit halbwahren Argumenten um mich werfe.
    Mein WLan läuft auch 24/7.
    Allerdings würden Strahlen addiert und nicht ersetzt werden.

    Das einzige, was man hier dazusagen sollte wäre, dass die Kühe zuvor kein Wlan gewohnt waren.

    Der ein oder andere denkt vielleicht, dass es dafür aber ziemlich viele in Facebook gibt.
    Dazu möchte ich sagen, dass ich noch die Kuh als Tier meine.
    Die Milch produziert… Ihr erinnert euch?

    Vielleicht schmiere ich mein Notebook bald nurnoch mit der Milch ein und ich habe überall WLan. 🙂

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