Rote Karte für Gaffer gefordert


Lübeck (rd.de) – Schleswig-Holsteins Innenminister Klaus Schlie (CDU) will „Gaffern“ die Rote Karte zeigen und ihnen mit Schockfotos den Kampf ansagen. Wer sich an Einsatzstellen am Leid anderer ergötzt, soll demnach künftig dadurch bestraft werden, sich Unfallbilder und -filme ansehen zu müssen. Unterstützung erhält Schlie von Hamburgs Innenminister Christoph Ahlhaus. Der DBRD indes bezweifelt die Wirksamkeit solcher Maßnahmen.

Wie die Lübecker Nachrichten in ihrer Sonntagsausgabe berichteten, denkt Innenminister Klaus Schlie über eine Schocktherapie für Gaffer nach: Sie sollen sich bei Feuerwehr sowie Polizei Fotos von Unfällen und Opfern anschauen. „Vielleicht kapieren sie dann, dass es kein Film, sondern die hässliche brutale Wahrheit ist, bei der es häufig um das Leben von Menschen geht“, so Schlie gegenüber der Zeitung.

Auslöser, so die Lübecker Nachrichten, war ein Unfall am vergangenen Wochenende auf der A 1. Der betrunkene Fahrer eines BMW war frontal in den Ford Ka einer jungen Frau gerast. Marco Lihring, Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr Lübeck, war auf dem Heimweg von einer Feier als erstes am Unfallort.

„Wir sahen, dass die Frau eingeklemmt in ihrem Auto saß, in dem bereits die Flammen hochschlugen“, so der 45-Jährige. Verzweifelt versuchten ein Freund und er, die 22-Jährige zu befreien: „Wir riefen um Hilfe, baten andere Auto- und Lkw-Fahrer um ein Taschenmesser und einen Feuerlöscher“, sagt Lihring. Doch keiner half den Helfern: „Die Trucker, die einen Feuerlöscher an Bord haben müssen, standen am Straßenrand und guckten.

Nach einem Bericht der Hamburger Morgenpost unterstützt Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) den Vorschlag seines schleswig-holsteinischen Amtskollegen. „Gaffer sind häufig ein lebensgefährliches Risiko“, zitiert die Morgenpost den Innensenator. „Sie behindern die Rettungskräfte und verursachen oftmals weitere Unfälle. Wir brauchen diese öffentliche Diskussion, damit den Menschen klar wird: Wir könnten alle Opfer werden. Wer nur zuschaut, ist selber Täter.“

Der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst (DBRD) bezweifelt indessen die Wirksamkeit der zwangsweisen Auseinandersetzung mit Schockfotos. Vielmehr müssten die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten genutzt werden. „Leider werden nur in den seltensten Fällen Anzeigen wegen Unterlassener Hilfeleistungen aufgenommen oder weiter verfolgt“, beklagt Marco König, Vorsitzender des Deutschen Berufsverband Rettungsdienst in Kiel.

(23.11.2009)

4 Responses to “Rote Karte für Gaffer gefordert”

  1. Status3 on November 23rd, 2009 13:25

    Ob diese Maßnahmen Wirkung zeigen ist die Frage. Wenn durch die Polizei am Unfallort konsequent Personalien aufgenommen würden, wäre der Effekt vermutlich größer. Wobei auch ich mir darüber im klaren bin, dass auch dort das Personal fehlt.

  2. FireLion on November 23rd, 2009 14:11

    Ich bin mir nicht sicher, ob das die Leute abschreckt, oder eher animiert.
    Die leute wollen Blut sehen, das kommt den „Bort und Spielen“ aus dem alten Rom gleich.
    Ideal wäre es natürlich die Personalien fest zu stellen, und Sozialstunden zu verhängen, dafür fehlt leider das Personal…
    Für meinen persönlichen teil habe ich festgestellt das es sinn macht die „Gaffer“ ein zu binden, auch diese können Material tragen. Häufig sehen diese dann mehr als sie wollten und werden denke ich nie wieder in der Nähe bleiben…

  3. campesino on November 23rd, 2009 15:57

    Wieder mal ein praxisferner Vorschlag von populistischen Politikern. Wirklich purer Populismus. Was kommt als nächstes? Schlafentzug? Fingernägelziehen? Auspeitschen?
    Sie sollten lieber das Personal bei der Schutzpolizei aufstocken (anstatt es abzubauen wie bisher, um die Gelder in Abhörzentralen stecken zu können).
    Dann gibt es vor Ort vielleicht zwei Polizisten mehr, die die Zeit haben, sich um Gaffer zu kümmern.
    Bevor man darüber nachdenkt, das Strafrecht (um meiner Meinung nach grundgesetzwidrige Inhalte) zu erweitern, sollte man mal dafür sorgen, dass das bestehende Recht umgesetzt werden kann.

    Artikel 1 GG: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

  4. Sahnetaeter on November 25th, 2009 12:35

    Ich schließe mich campesino voll und ganz an. Außerdem gafft nicht jeder grundsätzlich böswillig. Das „Gaffen“ ist oft eben nur Unsicherheit und Hilflosigkeit. Nur wenn sie Einsatzkräfte oder Ersthelfer behindern oder sich aktiv weigern zu helfen, dann sollten die derzeitigen juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Was mangels ausreichender Polizeikräfte aber auch schwierig sein dürfte…

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