PrimAIR: Luftrettung soll zum Standard werden


Köln (FH) – 2030 wird es eine andere Versorgungsstruktur in der Notfallrettung geben: Darüber waren sich alle Teilnehmer des Symposiums „Notfallrettung im ländlichen Raum – Luftrettung als Lösung?!“ im Rahmen des Forschungsprojektes PrimAIR einig. Das 1. PrimAIR-Symposium fand am 17. und 18. Februar 2014 in Köln statt.

In immer mehr dünn besiedelten ländlichen Gebieten gibt es heute keine wohnortnahe medizinische Versorgung mehr. Diese Entwicklung hat einen massiven Einfluss auf die Notfallrettung in ländlichen Gebieten. Da Rettungswachen „auf dem Land“ immer weniger Einsätze verzeichneten, gehe bei den Einsatzkräften Routine verloren, so die Vermutung. Damit sinke die Qualität der notfallmedizinischen Versorgung. Zudem werde das System der Notfallrettung in diesen Gebieten ineffizient, da 24 Stunden am Tag Rettungsmittel bereitstehen müssten, die bei weitem nicht ausgelastet seien.

Luftrettung als innovatives Konzept

Inwieweit eine Notfallversorgung mit Rettungs- und Notarztwagen in dünn besiedelten Flächenländern durch eine primäre Hubschrauberrettung – „rund um die Uhr“ und bei jedem Wetter – abgelöst werden kann, untersucht derzeit das PrimAIR-Projekt. Es betrachtet „Luftrettung als innovatives Konzept zur Notfallrettung in strukturschwachen Gebieten“ und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte.

Zur Halbzeit des dreijährigen Forschungsprojekts diskutierten in Köln Experten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Praxis über das brisante Thema. Veranstaltet wurde das Symposium vom Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) der Fachhochschule Köln, das maßgeblich an dem Forschungsprojekt beteiligt ist.

„Viele Notfallrettungs- und Notarzteinsätze sind laut Prof. Dr. Stefan Opperman … rettungsmedizinisch nicht notwendig“, berichtet Ulrike Pohl-Meuthen, Initiatorin des PrimAIR-Projekts. „Die ‚Rettung‘ wird gerufen, weil die Betroffenen im Moment der größten Not schnelle Hilfe suchen.“ In diesem Zusammenhang müsse über eine Erweiterung der notärztlichen Aufgaben hin zur Akutmedizin nachgedacht werden. Teilnehmer des Symposiums nannten beispielsweise Kenntnisse in Geriatrie und Palliativmedizin.

Einen Lösungsansatz sieht man in einer Zusammenlegung der Einsatzkoordinierung von ärztlichem Notdienst und Notfallrettung. Norwegen wurde hier als Beispiel vorgestellt: Über eine einheitliche medizinische Notrufnummer gelangen alle medizinischen Hilferufe in eine zentrale Leitstelle. Hier wählen die Mitarbeiter das richtige Rettungsmittel aus oder verweisen auf den niedergelassenen Arzt vor Ort. „Eine wesentliche Voraussetzung scheint in Norwegen dabei zu sein, die Notfallversorgung als Daseinsvorsorge des Staates zu begreifen“, so Pohl-Meuthen.

Ob ein System der primären Luftrettung die Lösung für die Notfallrettung im ländlichen Raum ist, wurde auf dem Symposium aus technischer Sicht mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Technisch, organisatorisch wie strukturell sei ein solches Konzept möglich, wenn auch erst in einigen Jahren umsetzbar. Benötigt werde ein Konsens, welche bodengebundenen Systeme dann aufzugeben wären – und welche Versorgungsaufgaben ein luftgestütztes Angebot um welchen Preis zu leisten hätte. Auch müsseten noch Konzepte entwickelt werden, wie zum Beispiel Hubschrauberlärm minimiert und die Besatzung vor Ort von bodengebundenen Rettungskräften unterstützt werden könnte. Auch die Frage, wie sich Großschadenslagen bewältigen ließen, scheint noch unklar zu sein.

(Symbolfoto: ADAC Luftrettung)

3 Responses to “PrimAIR: Luftrettung soll zum Standard werden”

  1. Achim on Februar 25th, 2014 19:34

    Sicherlich die richtige Überlegung. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang dieses Problem im Ländle in Erinnerung bringen. Denn in Baden Württemberg wollte man seither von einem weiteren Ausbau der Luftrettung nach „Beratung mit Experten“ (wer das wohl sein mag? 😉 ) nichts wissen.
    Man darf gespannt sein. 😉

    Hohenloher Tagblatt online vom 03.04.2013:

    Luftrettung: Abgeordneter Bullinger übt harsche Kritik an der Landesregierung

    http://www.swp.de/crailsheim/lokales/crailsheim/Luftrettung-Abgeordneter-Bullinger-uebt-harsche-Kritik-an-der-Landesregierung;art5507,1928237

  2. Wolfgang on März 5th, 2014 15:06

    Eine Anmerkung am Rande:
    In Bayern wurde jahrelang der kassenärtzliche Notfalldienst von den Rettungsleitstellen disponiert, man muß da nicht bis Norwegen gehen. Wenn ich mich richtig entsinne, hat sich die KVB aus Kostengründen davon getrennt, die aufgeführten Vorteilen waren ja nur zugunsten der Patienten.
    Ob es zielführend ist, jeden ländlichen Notfall aus der Luft zu versorgen, möchte ich als Laie stark bezweifeln. Es gibt Wetterlagen, bei denen es unmöglich ist, zu fliegen. Ich halte es auch für falsch, den Besatzungen als Regelfall das erhöhte Risiko von Nacht- und Schlechtwetterflügen zuzumuten, indem man sich in der Fläche von anderen Rettungsmitteln verabschiedet.

  3. Dino on März 6th, 2014 14:55

    Ich bezweifle stark, dass dieses Konzept nur aus notfallmedizinischer Sicht verfolgt wird oder hier nicht eine gewisse Lobbyarbeit zum tragen kommt. Man bedenke, dass vor ca. 2 Jahren vermehrt die Umstellung vom RettAss zum NFS forciert wurde, dieses jetzt auf den (Stolper)weg geführt wurde und der Eindruck erweckt wird, dass mit dem NFS mehr Handlungsicherheit GARANTIERT wird. Zumindest viele unerfahrene Berufsneulinge glauben in der Tat, das der NFS allein Ihnen mehr Kompetenzen und Handlungsspielräume lässt, als z.Zt. als RettAss in der Praxis ohnenhin schon usus ist. Unterm Strich kann man jetzt nach Einführung des NFS seit 01.01.2014 ja schon resümieren:

    – kaum eine Organisation bezahlt die Weiterbildung der „Bestandsassistenten“. Sie stehen grössenteils erneut allein da. Versprochen wurde eine kostenneutrale Lösung, womit den bestehenden RettAss eine Weiterbildung zum NFS ermöglicht wird.
    – kurioserweise werden immer noch fleissig RettAss-Kurse angeboten, obwohl bekannt ist, dass dieses Berufsbild und die Bennenung nun ausläuft.
    – Kaum eine Schule hat überhaupt die Ressourcen, den NFS-Lehrgang anzubieten.

    Dies sind nur einige Punkte.

    Und nun wird überlegt, wie in den kommenden 16 Jahren bodengebundene Rettungsmittel stark eingespart werden können, um Helikopter zur Primärrettung einzusetzen. Auf der Internetpräsenz von PrimAIR ist nicht andeutungsweise erkennbar, wie sich die Daten aufschlüsseln werden, ab wann eine Rettungswache als notfallmedizinisch sinnvoll erscheint oder nicht. Auch im Internet sind leider keinerlei Anhaltspunkte für den interessierten Leser zu finden. Das sollte einen schon stutzig machen. Mit Hinblick auf die Zukunft des primären Berufsstandes im Rettungsdienst als NFS setzt dies nicht gerade ermunternde Signale für Berufsinteressenten und Neulinge, in diesem Job Perspektiven zu finden. Schon jetzt sind die interessanten Stellen im Rettungsdienst, also in der Tat hauptsächlich Notfallrettung, und nicht Krankentransport oder Liegend-Taxi, rar gesäht, geschweige denn gut bezahlt.

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