Paradox: Kliniken wollen Notarztstandort haben


Foto: Jan-Erik HegemannKassel (rd.de) – Alle reden vom Notarztmangel. Auch in Kassel ist das kein Fremdwort. Doch bei der Vergabe eines neuen Notarztstandortes, der ab 2011 im Westen der Documenta-Stadt besetzt werden soll, möchten sich alle in Frage kommenden Kliniken ein Stück vom Rettungskuchen abschneiden.

Die Einsatzstatistiken waren eindeutig. Während die Feuerwehr 2005 noch 5972 Notarzteinsätze zählte, stieg diese Zahl bis 2009 auf 7050 Einsätze an. Um Hilfsfristen und Versorgungsqualität weiter aufrecht zu erhalten, wurde entschieden, einen weiteren Notarztstandort einzurichten.

Beide geografisch hierfür gut gelegenen Kliniken, das Rot-Kreuz-Krankenhaus und die Diakonie-Kliniken, haben der Stadt ihre Bereitschaft signalisiert, den neuen Notarztstandort übernehmen zu wollen. Den Zuschlag bekam allerdings das kommunale Großklinikum. In dessen Händen liegt dann der weithin überwiegende Anteil der Notarztversorgung in Kassel. Ein geeignetes Haus hat die kommunale Krankenhausgesellschaft im Westen der Stadt nicht. Deshalb soll der neue Notarzt auf der Feuerwache 2 seinen Posten beziehen.

Der Notarzt als Patienten- und Mitarbeiter-Lieferant?

Das Klinikum ist Teil der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH), die zu 92,5 Prozent der Stadt gehört. Die ebenfalls am Notarztdienst interessierten Häuser von Rotem Kreuz und Diakonie kritisieren die Entscheidung. Sie befürchten eine Wettbewerbsverzerrung. Dr. Andeas Fiehn, Chefarzt der Anästhesie der Diakonie-Klinik, machte gegenüber der Lokalpresse deutlich, dass der Notarztdienst ein Element ist, um Patientenströme zu lenken. Schon heute mache der Rettungsdienst einen Bogen um sein Haus.

Der Notarztdienst als Wirtschaftsfaktor des Krankenhausbetriebs? Das sind neue Töne, denn bisher war der Notarztdienst eher ein lästiger Appendix, der immer wieder als Störfaktor im reibungslosen Klinikbetrieb gesehen wurde.

Der Geschäftsführer des ebenfalls übergangenen Rot-Kreuz-Krankenhauses Michael Griebner bringt ein weiteres Argument für die Notarztstationierung ins Gespräch. Für junge Mediziner erscheint die Aussicht, sich auch in der Notfallrettung Erfahrungen anzueignen, besonders reizvoll. Der Notarzt-Standort wirkt so als positiver Faktor bei der Mitarbeitergewinnung.

Noch kein Sinneswandel erkennbar

Bei der Hessischen Krankenhaus Gesellschaft ist eine solche Diskussion noch nicht angekommen. „Also, in den Gremien ist das definitiv noch kein Thema gewesen“, versichert Ansgar Senn, Spezialist für Krankenhausfinanzierung und Entgeltfragen der Hessischen Krankenhaus Gesellschaft in Eschborn. Auch die Deutschen Krankenhaus Gesellschaft in Berlin hat zu diesem Nischenthema keine Position in der Schublade. Einen generellen Sinneswandel, im Notarztdienst mehr zu sehen als eine nachrangige Leistung des Krankenhauses, ist demnach keineswegs in Sicht.

Auch gibt es offenbar keine Untersuchungen darüber, ob ein NA-Standort wirtschaftlich positive Auswirkungen auf den Klinikbetrieb hat. Nach Auskunft des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung kann nicht einmal der ausführliche „Krankenhaus Rating Report“ zur Frage wirtschaftlicher Wirkungen des Notarztdienstes auf den Krankenhausbetrieb neue Erkenntnisse liefern.

2 Responses to “Paradox: Kliniken wollen Notarztstandort haben”

  1. tut nichts zur sache on Dezember 12th, 2010 07:57

    Das Klinikum gehört zu 10% noch der Stadt (auch wenn die lokale Politik sich wohl am liebsten ganz vom Klinikum trennen würde, denn viel zu holen gibt es nicht, auch nicht mit noch einem NEF Standort). Desweiteren gibt es am Klinikum schon ein NEF und auch der nordhessische ITW wird ärztlich vom Klinikum besetzt. Das DRK Krankenhaus hat hingegen die Besetztung des dort stationierten RTH (Chr.7) inne. Und wenn ein Notarzt meint er müsse einige Krankenhäuser „umgehen“, dann ist dies eine Entscheidung nach Kriterien wie gebotener Qualität der Patientenversorgung, Leistungsspektrum (das Klinikum z.B. ist das einzige zertifizierte Traumazentum und Maximalversorger in Nordhessen und Südniedersachsen auch mit Einzugsweite nach Thüringen), freie Betten, Notzuweisung, Erfahrungen des Rettungsdienstpersonals und so weiter. Ich wage zu behaupten, dass dem zubringenden Arzt die finanziellen Belange/ Gelüste der lokalen Hospitale sehr egal ist, egal von wo aus er nun mit seinem NEF hin ausrückt.

  2. Paxforall on Juli 14th, 2016 01:04

    Natürlich kann ein Notarztstandort ein Patienten zubringer sein.
    Economies of Scale volle ITS bringt Kohle kann gut abgerechnet werden und beim OP das gleiche wenn man die möglich keiten hat.
    Ruf der Klinik steigt auch.
    Muss aber gut geplant sein.

Möchten Sie einen Kommentar schreiben?