Kommentar: Wenn der Notarzt länger braucht


Bonn (rd.de) – Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND), Dr. Detlef Blumenberg, beklagt, dass Notfallpatienten immer länger auf Rettungskräfte warten müssen.

Vor fünf Jahren habe es im Bundesdurchschnitt bereits fast elf Minuten gedauert, bis ein Notarzt am Einsatzort angekommen sei, sagte Blumenberg der Nachrichtenagentur DDP und die Zeitspannen haben sich in den vergangenen Jahren weiter verschlechtert.

Die Ursachen für diesen negativen Trend sieht Blumenberg vor allem in der Ausdünnung der kassenärztlichen Bereitschaftsdienste. Die Notärzte müssen sich zunehmend mit Einsätzen befassen, die eher in den Bereich der allgemeinmedizinischen Versorgung lägen. In diesem Zusammenhang beklagt Blumenberg zudem einen Mangel an qualifiziertem Personal in den Leitstellen. Aus Angst vor Fehlentscheidungen würden Notärzte vorschnell zu Patienten geschickt.

Die Presse hatte diese Mahnung gerne aufgenommen. Heute kursieren Meldungen, die neue Hürden aufbauen, in Zweifelsfällen mit gutem Gewissen die Notrufnummer 112 zu wählen. So berichtet die Neue Westfälische in der heutigen Druckausgabe: „Weil auf dem Land niedergelassene Mediziner fehlen und der nächste kassenärztliche Bereitschaftsdienst weit entfernt ist, wählen die Menschen immer häufiger die Telefonnummer 112 – und rufen damit den Notarzt herbei. Dass sie durch ihr Verhalten die Versorgung gefährden, machen sich dabei wohl nur die wenigsten bewusst. Wer wegen Kopf- oder Bauchschmerzen den Notarzt in Marsch setzt, riskiert, dass ein paar Kilometer weiter ein Mensch am Herzinfarkt oder Gehirnschlag stirbt, weil bei ihm der Notarzt zu spät kommt.“

Am gleichen Tag rät der Verlag der Apotheken-Umschau bei Anzeichen eines Schlaganfalls den Hausarzt gleich zu übergehen und die 112 zu rufen. Die typischen Symptome werden allerdings nicht benannt.

Eine schwierige Gratwanderung. Sicherlich, eine Erkältung erkennen auch medizinische Laien problemlos, aber die Übergänge zwischen Harmlosigkeit und schwerwiegender Erkrankung sind ein fließender Prozess, den Laien nur schwer korrekt einschätzen können. Darf man bei Kopfschmerzen und Ohrgeräuschen nun nicht unter der 112 um Rat fragen, wenn man sich Sorgen macht, aber den Hausarzt nicht erreichen konnte?

Auch ob der Zweifel an der Qualifikation der Leitstellen-Disponenten gerechtfertigt ist, darf man in Frage stellen: Manchmal lassen sich die Sachverhalte am Telefon nicht ausreichend klären; die Anrufer sind höchst besorgt und aufgeregt und dann entscheidet – mit Recht – nicht alleine die vielleicht unvollständig ermittelte medizinische Situation, sondern auch das Bauchgefühl mit ob man einen Notarzt heraus schickt.

Mag die Kritik der Notärzte stellenweise missverständlich sein, in einem Punkt ist sie aber wichtig: Die Kostenträger und die Rettungsdienste unterschätzen die Wechselwirkungen zwischen dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und der Einsatzauslastung im Rettungsdienst.

Der Rettungsdienst hat über die Kapazitätsausdünnung in den Krankenhäusern und die immer weiter gehende Spezialisierung der Häuser ohnehin eine erhöhte Zeitbelastung, weil Transportwege schlicht länger werden und örtliche Rettungsfahrzeuge zudem durch notwendige Verlegungstransporte für neue Einsätze nicht zur Verfügung stehen.

2 Responses to “Kommentar: Wenn der Notarzt länger braucht”

  1. Sahnetaeter on April 20th, 2009 19:48

    Das Problem läßt sich ganz einfach lösen: Endlich die Kompetenzen der Rettungsassistenten erweitern. Dann kann die Leitstelle einen RTW hinschicken, der bei Bedarf einen Notarzt nachfordert.

  2. thomaswagner on April 21st, 2009 10:21

    Eine weitere Möglichkeit, dieser Entwicklung entgegen zu wirken, ist die Rückführung der Trennung zwischen dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und dem Rettungsdienst, will sagen, dass diese beiden Dienst wieder nur von den jewiligen RLS oder ILS koordinert werden sollen. So führte z. B. in Bayern die Koordinierung des Bereitschaftsdienstes durch die KV mittels eigenem Call-Center in Nürnberg für ganz Bayern (!) schon häufig zu Fehleinsätzen sowohl des Rettungsdienstes als auch des Bereitschaftsdienstes. Wenn diese beiden Dienst von ein und derselben Leitstelle disponiert werden, würden sich solche Fehleinsätze weitestgehend reduzieren und der Patient kann davon nur profitieren.

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