Ketanest: Ministerium empfiehlt Untersagung


Mainz (rd.de) – Das rheinland-pfälzische Innenministerium empfiehlt, die Gabe von Ketanest durch Rettungsassistenten zu untersagen. Grund: Es könnten Nebenwirkungen auftreten, die von einem Rettungsassistenten nicht zu beherrschen wären. Die Empfehlung beruht auf einer Kleinen Anfrage des CDU-Abgeordneten Dr. Peter Enders im Landtag.

„Auf welchem medizinischen Hintergrund beruht die Empfehlung des Ministeriums des Innern und für Sport?“, wollte der Abgeordnete unter anderem wissen und sprach damit einen der aktuell sensibelsten Punkte im deutschen Rettungswesen an: Die Gabe von Ketanest durch Rettungsassistenten. Zumindest im Westerwaldkreis ist das Rettungsfachpersonal hierzu derzeit berechtigt – ein Fakt, der offenbar manchem Bauchschmerzen bereitet.

„Das ISM (Innenministerium/d. Red.) wurde darüber informiert, dass im Bereich Montabaur Rettungsassistenten das Medikament Ketanest applizieren. Da bekannt war, dass bei der Verabreichung dieses Medikaments Nebenwirkungen auftreten können, die möglicherweise von einem Rettungsassistenten nicht beherrschbar sind, wurde den zuständigen Behörden für den Rettungsdienst empfohlen, Rettungsassistenten die Verabreichung dieses Medikamentes zu untersagen. Diese Empfehlung erfolgte sowohl zum Schutze der dem Rettungsdienst anvertrauten Patienten als auch zum Schutz der Rettungsassistenten selbst“, heißt es in der Antwort des Ministeriums. Man verweist unter anderem auf „verschiedene Bewertungen“, die der Behörde vorlägen. „Sowohl die Landesärztekammer, der designierte ÄLRD (…) als auch die Expertengruppe ‚Medikamentengabe im Rettungsdienst’ haben die vom ISM vertretene Auffassung klar und eindeutig bestätigt“, heißt es weiter.

Die Empfehlung des Innenministeriums scheint zwischenzeitlich landesweit entweder umgesetzt oder für die Kreise gar nicht relevant zu sein, da in den meisten Rettungsdienstbereichen Rheinland-Pfalz’ die Ketanestgabe durch Rettungsassistenten sowieso untersagt ist. Einzig der Westerwaldkreis, zu dem der Rettungsdienstbereich Montabauer zählt, habe am 1. Juli dieses Jahres mitgeteilt: „Unter Berücksichtigung des Aus- und Fortbildungsstandes der Rettungsassistenten in unserem Rettungsdienstbereich und der genau definierten Bedingungen, unter denen die Anwendung des Medikamentes freigegeben ist, sehen wir derzeit keine Veranlassung, die seit vielen Jahren ohne bekannte schwerwiegende Komplikationen praktizierte Anwendung zu untersagen.“

„Schon immer dürfen bei uns Rettungsassistenten das Medikament nur verabreichen, wenn sie speziell dafür ausgebildet sind, ein extremer Notfall vorliegt und ärztliche Hilfe kurzfristig nicht erreicht werden kann. An dieser Handhabung hat sich nichts geändert“, teilt auf Nachfrage von rettungsdienst.de die Kreisverwaltung in Montabauer mit. Sie entspräche im Übrigen den Notfallkompetenz-Empfehlungen der Bundesärztekammer, wie man deren Homepage entnehme.

Ob Rettungsassistenten Ketanest applizieren dürften oder nicht, sei ausschließlich Sache des Ärztlichen Leiters Rettungsdienst (ÄLRD), ließ das Ministerium wissen. Im Rettungsdienstbereich Montabaur sei derzeit noch kein ÄLRD bestellt. Dies habe offenbar zu der Freigabe des Medikaments geführt, da „kein medizinischer/notfallmedizinischer Sachverstand – aufgrund des Fehlens eines ÄLRD – vorhanden“ sei, vermutet die Behörde provokant.

„Die hier tätigen Notärzte kommen aus Krankenhäusern, deren medizinischer/notfallmedizinischer Sachverstand nicht im Ernst bezweifelt werden kann“, kommentiert die Kreisverwaltung des Westerwaldkreises diese Einschätzung. „Daneben stützen wir uns auf den Sachverstand der Ärzte des Gesundheitsamtes und der Notarzt-Spezialisten des Deutschen Roten Kreuzes.“ Die Bestellung eines hauptamtlichen ÄLRD werde erfolgen, sobald das Innenministerium mit den Kostenträgern die noch offenen Punkte zur Finanzierung geklärt habe.

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6 Responses to “Ketanest: Ministerium empfiehlt Untersagung”

  1. thomaswagner on Oktober 10th, 2009 00:03

    Was für ein Hin und Her! Man könnte meinen, dass profilneurotische Instanzen und Beamte den Tag über nichts Besseres zu tun hätten als sich wochen- und monatelang die Köpfe heiss zu reden, ob ein RA nun Ketanest apllizieren darf oder nicht… Diese Posse beweist einmal mehr auf das Eindeutigste und Dringlichste, dass es höchste Zeit für eine bundesweit einheitliche und verbindliche Regelkompetenzformulierung und auch -erweiterung für RA ist!!!

  2. Idefix-VS on Oktober 10th, 2009 09:56

    Was für eine wahnwitzige Diskussion – wie lange denn noch? Da kommt man nur noch mit gehöriger Ironie weiter. In Deutschland bin ich als RA zu dämlich, die eventuellen „Nebenwirkungen“ von Ketamin zu beherrschen? Wenn ich über die Staatsgrenze in die Schweiz fahre, bin ich es plötzlich nicht mehr? Und das, ohne an der Grenze mein Superman-Kostüm angelegt zu haben? Vielleicht ist das der Grund, weswegen ich so gerne in beiden Staaten arbeite. Jenseits der Grenze löst man Probleme mit Menschenverstand und pragmatisch. In der Gewißheit, dass man alles lernen kann – sogar ohne Medizinstudium. Diesseits der Grenze jedoch reift die Gewißheit mit jedem Tag, dass Teile von Standesvertretungen und Behörden alles zerreden, was man zerreden kann. Zum Wohle des Patienten, versteht sich…

  3. schdaeff on Oktober 10th, 2009 13:09

    Da kann ich meinem Vorredner nur zustimmen. Zumal ein Rettungsassistent, der die möglichen Komplikationen von Ketanest nicht beherrschen kann, seine Urkunde am besten gleich wieder zurückgeben sollte.
    Dass die Ärztekammern am liebsten auch noch das BZ-Messen verbieten wollen ist ja auch nichts neues.
    Gott sei Dank gibt es unter den ÄLRD auch solche, die nicht viel von Standesdünkel halten und eine vernünftige Einstellung zu dem Thema haben. Leider scheinen die jedoch in der Minderheit zu sein. Was das angeht, leben wir in Ba-Wü ohne die gesetzlich geregelte Institution des ÄLRD wohl eher noch im Land der Glückseligen.
    Ich möchte meinem Patient auf jeden Fall nicht erklären müssen, dass ich Ihm zwar helfen könnte, dies aber mein ÄLRD oder gar das zuständige Ministerium nicht möchte.

  4. Sahnetaeter on Oktober 10th, 2009 21:21

    Da erstaunt ja schon, daß im Schreiben des Ministeriums „Rettungsassistenten“ steht und nicht „Sanitäter“ oder „Krankenwagenfahrer“!

  5. med1 on Oktober 12th, 2009 01:34

    Ich möchte es mal so ausdrücken: mit dem deutschen Rettungs-Michel kann man es ja machen. Er ist weder in einer Gewerkschaft noch in einem Berufsverband nennenswert organisiert – ganz im Gegensatz zu den deutschen Ärzten.
    Also beklagt euch nicht. Ihr könntet etwas gegen diese ewige Fremdbestimmung tun – wenn ihr denn nur wolltet. Durch bloßes Jammern wird sich allerdings auch künftig nichts ändern.

  6. ResSeb on Oktober 12th, 2009 10:10

    Seit vielen Jahren diskutiert das fachlich versierte Deutschland darüber ob Rettungsassistenten mehr können als Auto fahren (und selbst das nur schlecht) oder auch mal etwas richtig ‚Medizinisches‘ dürfen sollten.
    So langsam kann ich diese Diskussionen nicht mehr hören / sehen.
    Die Rechtslage ist deutlich genug. Bei einer Regelkompetenz müssten wir uns im Zweifelsfall fragen lassen warum wir eine Maßnahme >nicht< ergriffen haben und diejenigen die diese Frage dann stellen haben wesentlich mehr Zeit zu prüfen als wir vor Ort am Patienten.
    Wer etwas gelernt und das Können nachgewisen hat und dann am Besten noch über die Einwilligung des Patienten nach erfolgter Aufklärung verfügt ist doch völlig auf der grünen Seite.
    Anfragen und Aussagen wie die des Dr. Enders wird es immer geben und sollte man am Ehesten unter ‚Standesdünkelei‘ ablegen. Vielmehr ist doch die Frage interessant:
    Wann wird mal gefragt wie sinnvoll der Weg zur ärztlichen Qualifikation im RD ist und wie qualifiziert diese Damen und Herren tatsächlich sind, die wir Rettungsassistenten Tag für Tag zum Patienten bringen dürfen.
    Viele von uns haben genug Erlebnisse um damit ganze Buchreihen füllen zu können.
    Sicherlich ist es wichtig, eine klare Regelung zu finden, aber die führt m. E. nur über die Neufassung / Änderung des RettAssG.
    Und zum Abschluss noch dies:
    Mir ist klar, dass es auch im (nichtärztlichen) RD schwarze Schafe gibt (sog. Rettungsrambos), aber wieviele Fälle von Rettungsassistenten sind Euch bekannt, in denen ‚aus Jux und Tollerei‘ Medikamente verabreicht oder sonstige wirklich fragwürdige Maßnahmen ergriffen wurden?

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