Herzbericht: Auch Rettungsdienst ist eine entscheidende Größe


(Grafik: Patrick J. Lynch, medizinischer Illustrator und Dr. C. Carl Jaffe, Kardiologe)Bonn (rd.de) – Der aktuelle Herzbericht stellt erneut erhebliche regionale Unterschiede bei der Herzsterblichkeit fest. Neben Fragen der stationären Versorgungsstruktur muss in diesem Zusammenhang auch die Leistungsfähigkeit des Rettungsdienstes betrachtet werden.

Der Herzbericht, veröffentlicht von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, brachte einmal mehr zum Teil erhebliche regionale Unterschiede bei der Herzsterblichkeit zu Tage.

Regionale Unterschiede erklären sich nach Auffassung von Dr. Ernst Bruckenberger, dem Autor des Berichtes, unter anderem durch eine inhomogene klinische Versorgungslandschaft. Demografische Einflüsse begegnet der Herzbericht mit altersbereinigten Sterbezahlen. Ein weiterer wesentlicher Einflussfaktor ist das Verhalten des Einzelnen, sich beim Auftreten von Symptomen, die auf einen Herzinfarkt oder eine Herzerkrankung hinweisen, in Behandlung zu begeben. Aber auch regionale Lebensgewohnheiten sowie die soziale Situation und Bildungsstruktur können eine Rolle spielen.

Die zu Grunde liegenden Daten stammen vor allem aus der Krankenhausdiagnosestatistik und der Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter.

Der Rettungsdienst muss funktionieren

Im Gespräch mit www.rettungsdient.de erklärt Dr. Bruckenberger, dass auch der Rettungsdienst eine wichtige Rolle bei der Herzsterblichkeit spielt: „Die gesamte Rettungskette muss funktionieren.“ Doch auch hier seien regionale Unterschiede sichtbar. In Hildesheim ist der Rettungsdienst zum Beispiel mit 12-Kanal-EKG unterwegs und überträgt die EKG-Daten gleich ins Aufnahmekrankenhaus. Die Patienten werden so ohne Zeitverzögerung versorgt.

Am anderen Ende der Skala stehen schwach aufgestellte Rettungsdienste, in denen das nächste Herzzentrum im Nachbarkreis liegt. Dort werden die Patienten im Notfall nicht hingefahren. „Was hier fehlt, ist eine strukturelle Versorgungsqualität“, glaubt Bruckenberger. „Wenn man bestimmte Patientengruppen optimal versorgen will, werden die Transportwege länger. Ab einer bestimmten Entfernung, stellt der Transportweg dann eine riskante Belastung dar.“ Hier muss eventuell mit einer Lyse im Rettungsdienst gegengesteuert werden. Es ist also nicht die Chest-Pain-Unit allein, die Sterblichkeitsszahlen senkt, sondern die optimale Abstimmung aller Elemente innerhalb der Rettungskette.

Nicht immer lässt sich eine Verbindung zwischen Herzsterblichkeit und rettungsdienstlichen Leistungszahlen herstellen, denn längst nicht jeder der 413 Landkreise verfügt über Zahlen zur Reaktionszeit seiner Rettungsdienste.

Unterschiede unvermeidbar

In den brandenburgischen Kreisen Spree-Neiße und Uckermark ist die Herzsterblichkeitsrate auffällig hoch. Der Spree-Neiße-Kreis gilt im brandenburgischen Rettungsdienst weder als Vorzeigekreis noch als ausgewiesenes Sorgenkind. Der Kreis hat eine Größe von 1647 Quadratkilometern und 130.000 Einwohnern. Der Rettungsdienst hält nach vorläufigen Zahlen aus 2010 seine Hilfsfrist in 92,7 Prozent der Fälle ein und verfehlt das 95-Prozent-Ziel nur geringfügig. Hinzu kommt, dass seit 2010 an der Helios-Klinik in Bad Saarow eine zertifizierte Chest-Pain-Unit bereitsteht.

In der Versorgungslandschaft für kardiale Notfälle hat sich 2010 auch in der Uckermark etwas bewegt: Die Asklepios-Klinik in Schwedt nahm eine Chest-Pain-Unit in Betrieb. Zudem ist die Klinik einer der Notarztstandorte und somit gut mit dem Rettungsdienst verzahnt. Bei den Eintreffzeiten der Rettungsmittel besteht in der Uckermark hingegen Verbesserungsbedarf: In nur 89,4 Prozent der Fälle ist der Rettungsdienst binnen 15 Minuten zur Stelle. Mit 3058 Quadratkilometern ist die Uckermark Deutschlands größter Landkreis überhaupt. Bei 130.000 Einwohnern ergibt sich eine Bevölkerungsdichte von knapp 43 Einwohnern pro Quadratkilometer. Strukturelle Versorgungsnachteile im direkten Vergleich zu kompakteren Landkreisen sind hier kaum zu vermeiden.

Herzpatienten setzten auf Coburg

Seit Jahren dokumentiert der Herzbericht eine erhöhte Infarktsterblichkeit in den neuen Bundesländern und im Frankenland. (Grafik: Dr. E. Bruckenberger)

Seit Jahren dokumentiert der Herzbericht eine erhöhte Infarktsterblichkeit in den neuen Bundesländern und im Frankenland. (Grafik: Dr. E. Bruckenberger)

Weshalb in den alten Bundesländern ausgerechnet die 41.000-Einwohner-Stadt Coburg in Oberfranken beim Herztodranking seit Jahren auffällig schlecht abschneidet, erklärt sich nicht auf Anhieb. Die Einhaltung der Hilfsfristen stellt für das BRK kein Problem dar, und das Klinikum Coburg wirbt zwar noch nicht mit einer Chest-Pain-Unit, doch ist die Kardiologie der Medizinischen Klinik weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.

„Es ist nicht Coburg allein“, erklärt Studienautor Dr. Ernst Bruckenberger, „es sind die Lebensgewohnheiten in Franken insgesamt.“ Der traditionelle Fleischverzehr ist dort nicht wegzudenken.

In der Kardiologie des Klinikum Coburg selbst ist man längst auf die schlechten Zahlen im Herzbericht aufmerksam geworden und versucht, die Ursachen zu finden. Dr. Hans-Joachim Goller erklärt hierzu, dass die Kardiologie in Coburg ein Schwerpunktzentrum für die Versorgung von Herzerkrankungen darstellt. „Wir bekommen unsere Patienten nicht nur aus Coburg und Bayern, sondern auch aus Südthüringen.“ Goller glaubt, dass die große Kardiologie mit 144 Betten bei der Auswertung von DRG-Fallzahlen negativ zu Buche schlagen kann. Im RegioMed-Klinikverbund ist Coburg ein Schwerpunktkrankenhaus. Dort wirbt man dafür, Herzpatienten in die Kardiologie nach Coburg zu verlegen. Eine Chest-Pain-Unit befindet sich im Aufbau. Als Erklärungsansatz erhöhter Herzsterblichkeit taugt der Hinweis auf die hohen Behandlungszahlen allerdings nicht. Die verarbeiteten Sterbezahlen des Herzberichts beziehen sich nämlich immer auf den Wohnort des Patienten.

Im Rettungsdienst kann Goller, der oft als Notarzt in Coburg im Einsatz ist, keine Versäumnisse erkennen: „Die Rettungskette in Coburg funktioniert gut.“ Demnach muss es andere Einflussfaktoren geben, die als Begründung für das regelmäßig schlechte Abschneiden der Stadt in Betracht kommen.

Erklärungsmodelle zwischen Wurst und Wirtschaft

In Bayern hat man bereits 2004 eine Studie zu regionalen Sterblichkeitsunterschieden veröffentlicht. Auch das Datenmaterial aus dem Jahre 2002 zeigte eine höhere Sterblichkeit im Frankenland. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebenmittelsicherheit stellte seinerzeit fest, dass die sozioökonomische Situation recht eindeutig als Einflussfaktor regionaler Sterblichkeitsunterschiede in Erscheinung tritt. Einen Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Sozialhilferate gab es hingegen nicht.

Die Beobachtung, dass der vorzeitigen Sterblichkeit regional bestimmte Diagnosegruppen zugeordnet werden können, führte auch 2004 schon zu der Handlungsempfehlung, nach regionalen Risikofaktoren zu suchen. Die möglichen Ursachen für eine erhöhte Herzsterblichkeit liegen demnach tatsächlich zwischen Wurst und Wirtschaft.

/Bildnachweis:
Herz-Illustration: Patrick J. Lynch, medizinischer Illustrator und Dr. C. Carl Jaffe, Kardiologe
Karte Herzinfarktatlas: Dr. E. Bruckenberger

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