Epinephringabe: Weiterhin bei Reanimation indiziert?


Bremen (rd.de) – In der neuesten Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (33-34/2012) wird eine Analyse aus Japan vorgestellt, in welcher untersucht wird, ob Epinephrin (Adrenalin) bei der Wiederbelebung sinnvoll ist. Epinephrin wird meistens als erstes Medikament im Rahmen einer Reanimation wegen Herzstillstand eingesetzt.

Um es vorweg zu nehmen – das Ergebnis ist nicht so eindeutig, wie man es erwartet hätte. Untersucht wurden die Daten von 417.188 (japanischen) Patienten – alle hatten zwischen 2005 und 2008 einen Herzstillstand erlitten und wurden in eine Klinik eingeliefert. Parameter waren das Wiedereinsetzen einer spontanen Herzaktion vor Ankunft im Krankenhaus, das Überleben einen Monat nach dem Herzstillstand, das Überleben mit guter oder mäßig guter Gehirnfunktion und das Überleben ohne, mit leichten oder moderaten neurologischen Ausfällen.

Eindeutig ist folgendes Ergebnis: Patienten mit prähopitaler Epinephringabe hatten deutlich häufiger wieder eine spontane Herzaktion als Patienten ohne Epinephrin-Behandlung. Schaut man sich jedoch die langfristigen Ergebnisse an wie beispielsweise das Überleben nach einem Monat, die Gehirnfunktion oder neurologische Ausfälle, so kommen Patienten mit Epinephringabe schlechter weg.

In der Analyse kommt man zu dem Schluss, dass die Epinephringabe zwar einen kurzfristigen Nutzen hat, dieser jedoch durch die erhöhte Erkrankungsfolgen und Sterblichkeit nach einem Monat wieder relativiert wird. Möglicherweise sei dies auf den Wirkungsmechanismus von Epinephrin zurückzuführen: Erhöhung des koronaren Perfusionsdrucks mit gleichzeitiger Durchblutungsreduktion anderer Organe.

Die Untersucher kommen zu dem Ergebnis, dass der bisherige Standard – die Epinephringabe bei Herzstillstand – in einer entsprechenden klinischen Studie überprüft werden muss.

Die komplette Analyse kann im Deutschen Ärzteblatt eingesehen werden.

(24.08.2012)

8 Responses to “Epinephringabe: Weiterhin bei Reanimation indiziert?”

  1. Oliver Stahl via Facebook on August 24th, 2012 16:50

    Ist ja nicht das erste Mal das Adrenalin bei der Rea in Frage gestellt wird. Es wurde ja auch schon mal Vasopressin favoritisiert.

  2. Sani08/15 on August 24th, 2012 19:18

    Sagen wir es doch mal so – ohne „Supra“ hätten viele (dann später „schnell“ verstorbenen) Patienten die Klinik überhaupt nicht lebend erreicht.

    Wer nach paarmal Drücken+ggf. Defi wieder „anspringt“ ist vermutlich so „gesund“ (bzw. HLW so kurz nach dem Stillstand), dass ein Langzeit-Überleben ohne nennenswerte neurol. Defizite äusserst wahrscheinlich ist.

    Ich hatte schon viele Reanimationen in meinen rund 20 Jahren RD, die eigentlich schon beim Eintreffen (Vorerkrankungen, Alter, Liegezeit) hoffnungslos erschienen. Mit „literweise Supra“ gab es dann doch den Einen oder Anderen ROSC, allerdings i.d.R. negativ im Sinne von Langzeitüberleben ohne grösseres neurol. Defizit.

    Ich hab da so meinen Spruch… „mit viel genug Supra bekommt man auch noch das Rinderherz in der Theke beim Metzger zum Schlagen“

    Eine wirkliche Aussagekraft hätte die Studie nur dann, wenn randomisiert 50% der Patienten gezielt ohne Supra&Co behandelt worden wären. Aber das geht wohl kaum in dieser Grössenordnung durch eine Ehtikkommission durch….

  3. Marco L on August 24th, 2012 23:57

    Naja, ich finde man kann das Ganze auch ganz anders nterpretieren. Studien haben nunmal ein definiertes Design und definierte Endpunkte. Die Frage für mich ist nicht ob Supra weiterhin gegeben werden sollte oder nicht, sondern viel mehr, ob es gewisse „Subkontexte“ gibt die nicht erfasst wurden (oder eher erfasst werden konnten)

    Ich halte es durchaus für plausibel, dass die Leute, die ohne Supra erfolgreich reanimiert wurden, deswegen erfolgreich reanimiert wurden, weil sie zu denjenigen gehörten, bei denen das therapiefreie Intervall vielleicht ne Minute kürzer war als im statistischen Mittel der Studie. Ausserdem könnte man auch in Betracht ziehen, dass diese Personengruppe von Vorne herein eine „robustere“ Konstitution aufweist in Bezug auf Kreislaufstillstand. Das würde zum Einen den primären Erfolg ohne Supra erklären können, zum Anderen auch das Bessere Outcome. Ganz gemäß den Darwinistischen Grundsätzen, dass der „Stärkere“ einen gewissen Überlebensvorteil besitzt.

    Ich möchte im Einsatzfall auf jeden Fall nicht den Angehörigen erklären müssen, dass ihr geliebter Mensch tot ist und wir auf Supra verzichtet haben weil dann „eh nix vernünftiges mehr bei rum gekommen wär“. Ich meine – warum reanimieren wir bei traumatischem HKS? Ganz einfach, weil allein die Möglichkeit jemanden zu retten jeden Versuch rechtfertigt, auch wenn dies meistens nicht von Erfolg gekrönt ist.

    Sollte eine große Studie jedoch zu dem Ergebnis kommen, dass die o.g. Effekte keine Rolle spielen, lass ich mich gerne eines Besseren belehren. Wissenschaft und Medizin lebt davon, dass sie sich permanent reevaluiert.

  4. Nathan Ulrich Peterson via Facebook on August 25th, 2012 09:40

    Die Studie wurde schon im Mai publiziert und weißt erhebliche Unklarheiten auf. Zum Beispiel wurde nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Patienten mit Adrenalin reanimiert, obwohl das Medikament in den internationalen Algorithmen zur Gabe empfohlen wird. Mag daran liegen, dass die Retter in Japan erst im Läufe der Studie dazu ausgebildet und ermächtigt wurden, Adrenalin zu geben.

  5. Nathan Ulrich Peterson via Facebook on August 25th, 2012 09:41

    Fazit ist abre, dass Adrenalin sehr viel häufiger zu einem ROSC führt und damit erst ein Überleben ermöglicht.

  6. Thomas Hofmann via Facebook on August 25th, 2012 11:54

    Die Frage ist wohl tatsächlich nicht neu, denke allerdings nicht, dass in Deutschland eine entsprechende Studie durch eine Ethikkommission kommen würde.

  7. Sascha Steingrobe on September 4th, 2012 14:33

    Es gab schonmal eine große Studie der AHA in Norwegen 2008, in der diese Fragestellung untersucht wurde. Auch hier konnte in Bezug auf Adrenalin kein signifikanter Vorteil gegenüber der Gabe bei der Reanimation gezeigt werden. Die Kontrollgruppe hatte die gleichen Überlebenswahrscheinlichkeiten wie die Verumgruppe. Somit bleibt es weiterhin ein fragliches Medikament. Vasopressin hingegen scheint besser untersucht zu sein und daher wohl auch bei der AHA ein Mittel der Wahl als Alternative zum Adrenalin in den aktuellen Guidelines.

  8. Anonym on September 8th, 2012 10:15

    Die Studie zeigt also, dass Menschen mit höherer Erfolgsrate reanimiert werden.

    Die Frage zu dem Artikel / der Studie wäre aber: Ist es nicht klar das jemand, der eine gewisse Zeit hypoxiert war, Schäden hat? Ist dieses wirklich auf das Medikament zurückzuführen oder eher auf die höhere Erfolgsrate der Reanimation trotz anfangs bestehender Hypoxie?

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