Eiszeit im Ampullarium


Bremen (rd.de) – Die extreme Kälte setzt auch den Notfallmedikamenten zu. Manche reagieren auf Temperaturschwankungen mit Wirkverlust, einige werden unbrauchbar. Hier einige Hinweise, auf die Sie achten sollten.

Die Heizungen in vielen Fahrzeughallen dienen dem Frostschutz. Auf Rettungswachen ohne beheizbarer Fahrzeuggarage wird es nachts bitterkalt im Innenraum. Auf der Einsatzanfahrt laufen die Innenraumheizungen mit voller Leistung und erzeugen dadurch enorme Temperaturschwankungen. Manche Notfallmedikamente im Ampullarium reagieren auf diesen Temperaturstress empfindlich.

Eingefrorene Medikamente sind gefährlich, weil sich Mikrorisse in den Glasampullen bilden können, die eine bakterielle Kontimination des Inhalts begünstigen. Parenterale Infusionslösungen, die einmal eingefroren sind, dürfen nach dem Auftauen nicht wieder benutzt werden.

Während viele Rettungswagen über einen kleinen Wärmeschrank für Infusionen verfügen, gilt bei allen Infusionen, die nicht temperiert sind, besondere Vorsicht: Ein Volumenersatz mit eiskalten Infusionen ist zu vermeiden.

Auch Obdachlose sind in besonderer Weise von den kalten Außentemperaturen betroffen. Ein besonderes Risiko besteht für Diabetiker, die sich selbst Langzeitinsuline verabreichen. Diese verlieren durch zu niedrige Temperaturen ihren Depot-Effekt. Umkristallisationsprozesse sind hierfür verantwortlich, die nach einer Injektion den Blutzuckerspiegel ähnlich einem Kurzzeitinsulin senken würden, was zur Hypoglykämie führen kann.

Überhaupt reagieren einige der gebräuchlichen Notfallmedikamente besonders empfindlich auf zu niedrige Temperaturen:

  • Acetylsalicylsäure ist sehr frostempfindlich, verliert u.U. Wirkung zur Thrombozytenaggregationshemmung.
  • Alcuronium (Alloferin) verliert unter Temperaturschwankungen Wirkung und sollte im Winter alle drei Monate getauscht werden.
  • Dexamethason (Fortecortin) muss nach einem Einfrieren entsorgt werden, weil Bestandteile ausflocken.
  • Diazepam (Valium) muss nach einem Einfrieren entsorgt werden.
  • Dobutamin (Dobutrex) und Dopamin sind zwar recht temperaturstabil, dürfen aber nicht unter +2 Grad Celsius gelagert werden.
  • Etomidat lipuro (Emulsion) darf nicht unter + 4 Grad Celsius gelagert werden. Kälte führt zur Vergrößerung der Fetttröpfchen, bei Temperaturen unter +4 Grad Celsius besteht die Gefahr einer Fettembolie!
  • Prednisolon verändert nach Einfrieren seine kristalline Struktur und kann nicht mehr verwendet werden.

Hier noch eine Auflistung gebräuchlicher Medikamente mit einer hohen Kälteresistenz:

  • Atropin bis -20° C
  • Buscopan bis -20° C
  • Glucose bis -2° C
  • HAES bis -18° C
  • Heparin bis -20° C
  • Lidocain (Xylocain) bis -20° C
  • Methylprednisolon (Urbason solubile) bis -15° C
  • Metoclopramid (Paspertin) bis -15° C
  • Metoprolol (Beloc) bis -20° C
  • Morphin bis -20° C
  • Ringerlactat-Lösung bis -20° C (darf nach Einfrieren noch weiterverwendet werden)
  • Tramadol (Tramal) bis -20° C
  • Verapamil (Isoptin) bis -20° C

Das aufgedruckte Verfallsdatum gilt bei dunkler, ruhiger und temperaturstabiler Lagerung und damit für Zustände, die im Rettungsdienst nie erreicht werden. Nach dem Temperaturstress der noch vor uns liegenden Wintermonate sollten Medikamente großzügig, auch noch vor dem Ablaufdatum, getauscht werden. Das gilt ganz besonders für Medikamente mit schwacher Temperaturstabilität.

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