Einsatz in der Hölle – Interhelp-Team aus Haiti zurück


Haiti-Einsatz: Dr. Stefan Schindler (re.), Reinhold Klostermann (li.) und Bernhard Mandla versuchen den faulenden Finger eines Patienten zu retten. (Foto: Interhelp)Hameln/Port-au-Prince (pm/rd.de) – Der Einsatz war hart, entbehrungsreich und gefährlich – dennoch sagt Reinhold Klostermann, Leiter der Interhelp-Medical-Task-Force, habe er sich gelohnt: „Wir konnten sehr vielen schwer verletzten und kranken Menschen helfen und einige von ihnen vor dem sicheren Tod bewahren.“ Mehr als zwei Wochen war ein Expertenteam der deutschen Hilfsorganisation Interhelp in Haiti im Einsatz. Auch 18 Monate nach dem verheerenden Erdbeben ist externe Hilfe notwendig.

Bei Temperaturen um 35 Grad unterstützten der Unfallchirurg Dr. Stefan Schindler (42) sowie die Lehrrettungsassistenten Bernhard Mandla (48) und Reinhold Klostermann (55) örtliche Ärzte, Schwestern, Pfleger und Sanitäter bei ihrer Arbeit. Bereits nach der Landung in Port-au-Prince wurden die ehrenamtlichen Helfer gefordert – ein Passagier hatte einen Herzinfarkt erlitten. Noch auf dem Rollfeld wurden die Wiederbelebung eingeleitet.

Hunderte Patienten mussten in den kommenden Tagen versorgt werden – Schusswunden, sonstige Verletzungen, Infarkte, Blutvergiftungen, Infektionen und schwerste Durchfallerkrankungen galt es zu behandeln. „Manchmal haben wir wie am Fließband geschuftet. Nicht immer ist es uns gelungen, den Wettlauf mit dem Tod zu gewinnen“, sagt der Hamelner Berufsfeuerwehrmann Bernhard Mandla. „Aber oft waren wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnten Leben retten.“

Seit Anfang 2010 ist Interhelp mehrfach auf Haiti tätig gewesen. Der aktuelle Einsatz war als Ausbildungsmission geplant. „Wir haben Ärzte, Schwestern und medizinisches Personal fortgebildet, damit sie die durch Spenden an den Krankenhäusern stationierten Rettungswagen zur präklinischen Versorgung einsetzen können“, erläutert Bernhard Mandla gegenüber www.rettungsdienst.de. In der Praxis gibt es keine präklinische Versorgung. Die starken Polizeikräfte entdecken Notfälle und fahren die Verletzten völlig unversorgt mit Pick-Ups ins nächste Krankenhaus. „Ein Unfallopfer mit einem Teilabriss eines Unterschenkels kam mit einer Schubkarre in die Klinik, an der wir gerade Personal in den Rettungswagen eingewiesen haben“, erzählt Mandla. Unversehens war das Team immer wieder mit der Versorgung von akuten Notfällen beschäftigt.

Vor allem der Einsatz in den Slums von Port-au-Prince verlangte den Helfern einiges ab.  „Wir haben dort gearbeitet, wo niemand sonst arbeiten will, weil es dort gefährlich ist, weil es nach Fäkalien und Urin stinkt“, sagt Reinhold Klostermann. Im „Adwand-Lasaleni-Lazarett“, das im völlig verwahrlosten Stadtteil Cite Soleil liegt, haben die Deutschen in einem kleinen Häuschen, der inmitten von Müllbergen und Abwässern steht, Patienten versorgt. Kein Wunder, dass auch die deutschen Helfer von Montezumas Rache nicht verschont geblieben sind. „Die Arbeit ist erbarmungslos: Hitze, Dreck und Gestank sind unvorstellbar. Es ist, als würden wir in der Hölle arbeiten“, meldete Reinhold Klostermann per Mail an das Backoffice in Hameln.

Auch mehr als anderthalb Jahre nach dem schweren Erdbeben, das die Hauptstadt zerstörte und bei dem mehr als 300.000 Menschen den Tod fanden, geht der Wiederaufbau von Port-au-Prince nur schleppend voran. „Der Schutt ist zwar weg, aber nur wenige Gebäude wurden bislang wieder aufgebaut“, sagt Klostermann. Unzählige Obdachlose leben noch immer in Zeltstädten unter Plastikplanen und unter unvorstellbaren hygienischen Bedingungen. Dass sich Seuchen wie Cholera ausbreiten, verwundert die Helfer aus dem Weserbergland nicht.

Der Einsatz gehöre zu den gefährlichsten, den Interhelp bislang weltweit durchgeführt habe. In der Tat waren die Helfer vielen Gefahren ausgesetzt: Mord, Entführung, Dengue-Fieber, Malaria, Cholera und Typhus waren allgegenwärtig. „Wir sind keine Draufgänger, aber wir haben die Risiken gern auf uns genommen, um den Notleidenden zu helfen“, sagt Bernhard Mandla. „Wir wissen um die Gefahr in den Slums, aber wenn wir hier nicht helfen, hilft den Menschen hier keiner“, schreibt Reinhold Klostermann in seinem bebilderten Tagebuch, das auf  http://www.wesio.de/user/Interhelp, zu lesen ist (siehe Blog und Medien).

Nach zwei Wochen auf Haiti hat Mandla jedenfalls gleich wieder seinen Dienst bei der Feuerwehr aufgenommen: „Nach einem solchen Einsatz braucht man vor allen Dingen Normalität und die Ordnung eines geregelten Tagesablaufs.“

Mehr Informationen unter www.interhelp.info

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