Das Ehrenamt wird älter


Bremen (rd.de) – Der demografische Wandel macht auch vor dem Ehrenamt nicht Halt. Den freiwilligen Feuerwehren geht das Personal aus, das Ehrenamt im Rettungsdienst stolpert an der Ausbildungshürde. In manchen Regionen können Dienste nur aufrechterhalten werden, wenn man die Generation 50plus zur Mitarbeit motivieren kann. Landkreise entwerfen Masterpläne und unterstützen Integrationsprojekte: Deutschland kämpft um das Ehrenamt.

Im Werra-Meissner-Kreis sind die Folgen einer alternden Gesellschaft schon heute spürbar. Die Jungen ziehen Ihren Berufschancen hinterher. Zurück blieben die Alten, die Ruheständler und Hausbesitzer.

Nach den Bereichen Gesundheit und Kultur soll nun auch für den Bereich Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungswesen ein Masterplan her, um die Strukturen ehrenamtlicher Hilfe zu erhalten. Die Feuerwehren, die Organisationen des Katastrophenschutzes und des Rettungswesen trafen sich jetzt zur Auftaktveranstaltung im E-Werk in Eschwege. Hier wurde der Rahmen für die Erarbeitung des Masterplans vorgestellt und zur Mitarbeit eingeladen. „Der Masterplan kann nur durch Mitarbeit der ehrenamtlichen Feuerwehren und die Akteure aus dem Katastrophenschutz und dem Rettungswesen erstellt und dann auch umgesetzt werden“, erläutert Sabine Wilke vom Verein für Regionalentwicklung Werra-Meißner e.V..

Der Landkreis Nordfriesland hat diesen Weg bereits beschritten. Christian Wehr, Leiter des Fachdienstes Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungswesen des Landkreises Nordfriesland, berichtet, dass eine genaue Erfassung der Ist-Situation vor Ort unerlässlich ist, um die Entwicklungen genau analysieren zu können und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Dazu sei die gute Zusammenarbeit mit der Basis bei Feuerwehr, Katastrophenschutz und Rettungswesen unerlässlich, um die Problem und Entwicklungslinien genau erfassen zu können. „Wir haben zum Teil durchaus Ergebnisse bekommen, die weh getan haben, aber wir haben so auch ehrliche Planungsgrößen erhalten“, unterstrich Wehr.

Ehrenamt wird älter

In Niedersachsen mahnen erste Stimmen, die Altersgrenze bei den Feuerwehren fallenzulassen. Die Landesregierung plant aber offenbar keine Anhebung der jetzigen Altersgrenze von 62 Jahren. Kreisbrandmeister Rainer Kuhlmann (Rinteln) prophezeit in den Schaumburger Nachrichten, dass sich diese Grenze auf Dauer nicht wird halten lassen.
Die jungen Berufstätigen pendeln zum Arbeiten in die Ballungsgebiete. Wer soll die Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr bei einem Tagesalarm noch besetzen? Immer mehr Wehren suchen Antworten.

In Thüringen wirbt die Ehrenamtsstiftung für mehr Engegament der Generation 50plus. Das Internetportal Bildungsnetz für Engagierte  bietet konkrete Weiterbildungsmöglichkeiten, zur Qualifizierung auf  ehrenamtliche Aufgaben. Erste-Hilfe, Katastrophenschutz und Rettungsdienst inklusive.

Eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen ergab, dass in der Gruppe der über 50-Jährigen der Anteil der Ehrenamtlichen bereits leicht gestiegen sei. Wer sich schon vor seinem 50. Lebensjahr für soziale Aktivitäten einsetzt, führt sein Engagement im Alter häufig weiter. „Wer Ältere für soziales Engagement gewinnen will, darf nicht erst beim Renteneintritt mit Aktivierungsprogrammen ansetzen“, folgert Studienautor Dr. Marcel Erlinghagen aus den Ergebnissen.

Diese Beobachtung könnte den Zerfall des Ehrenamts im Rettungsdienst verlangsamen. Trotzdem erweist sich die Ausbildungshürde als Stolperstein. Normalerweise ist heute in der Ehrenamtslaufbahn beim Rettungssanitäter Schluss. Die ehrenamtlichen Rettungsassistenten stammen hingegen überwiegend aus der Zeit der Überleitung von 520-Stunden-Sanitätern in das neue Berufsbild.

Migranten mitnehmen

Die Gruppe der Migranten stellt ein unverzichtbares Nachwuchsreservior für den Rettungsdienst dar. Der DRK-Kreisverband Torgau-Oschatz e. V. hat im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ das Projekt „Integration von Migranten und Migrantinnen im ehrenamtlichen Rettungswesen“ bewilligt bekommen.

Im Zeitraum Oktober-Dezember 2011 will man gemeinsam mit den Führungskräften der Feuerwehr, dem THW, der Johanniter und des Roten Kreuz Möglichkeiten einer Integration von Migranten und Menschen mit Handicap diskutieren. Wie die Torgauer Zeitung berichtet, findet im Oktober zu diesem Thema zusätzlich eine Fachkonferenz auf Schloss Hartenfels statt.

Wenn auch in zehn Jahren der erweiterte Rettungsdienst und der Katastrophenschutz in funktionstüchtiger Truppstärke ausrücken soll, kommen solche Projekte gerade zur rechten Zeit.

(07.10.2011)

11 Responses to “Das Ehrenamt wird älter”

  1. locco on Oktober 7th, 2011 18:17

    Die Generation 50+ ist durchaus wichtig. Die Altersgrenze fallen zulassen finde ich aber bedenklich. Wir haben keine Altersgrenze und somit sind wir eine durchmischte Organisation. Allerdings gibt es in einigen wichtigen Positionen „Dinosaurier“, die eine Weiterentwicklung und Verjüngung in der Organisation geradezu blockieren. Die Altersgrenze auf das Rentenalter anzuheben finde ich ok. Allerdings fehlt mir eine ernsthafte Gesundheitskontrolle und eine damit verbundene Diensttauglichkleit.

  2. Barney on Oktober 7th, 2011 22:49

    eine gute Idee……

    Aber so lange Träger und selbstverliebte Feuerwehr Sheriffs wie in Hildesheim bewusst und rücksichtslos die über Jahrzehnte aufgebauten ehrenamtlichen Strukturen durch eine destruktive Ausschreibung zerstört, wird das wohl nichts werden.

    Das passt nicht zusammen und offensichtlich sind die Interessen in Deutschland höchst unterschiedlich.

    Hoffentlich hat dieses Projekt mehr Erfolg und Förderer, sprich intelligente und weitsichtige Entscheidungsträger als es in Hildesheim der Fall ist.

  3. Karl Bunt on Oktober 9th, 2011 21:13

    Wie wichtig die Generation 50plus ist zeigt die GND-Studie: Engagement bereichert Gemeinschaft. https://www.gndev.de/info-service/beruf-bildung/rente-ruhestand/1883446640-gnd-studie-engagement-bereichert-gemeinschaft

  4. locco on Oktober 10th, 2011 11:23

    @Karl:

    Ist ja eine nette Studie. Allerdings hakt der Vergleich etwas. Während sich die Generation 50+ auf das Ehrenamt konzentrieren und finanzielle Mittel bereitstellen kann, sind viele Eltern damit beschäftigt finanziell über die runden zu kommen. Auch Zeit für das Ehrenamt ist durch die heutigen Arbeitsbedingungen eher rar. Die Generation die Heute wenig Zeit für Ehrenamt aufbringt, wird im Gegenzug in einigen Jahren das Engagement aufbringen. Genauso wie Generation 50+ heute.

  5. Peter on Oktober 10th, 2011 16:27

    Nun, aus meiner Sicht hat die Politik versagt. Anstatt sich auf ein Leben in einem „älteren“ Umfeld vorzubereiten und Mrd von Euro in marode Banken, Volkswirtschaften und einen Krieg außerhalb von Deutschland zu pulver und zu konzentrieren, sollte man mal besser jungen Familien einen finanziellen Anreiz gegeben ein paar mehr Kinder in die Welt zu setzen. In Frankreich scheint das wohl die ersten Erfolge zu zeigen.

    Wie Iocco ja schon schreibt, ist es für junge Familien nicht gerade leicht und das kann ich als Vater von zwei Kindern bestätigen. Nun ja, Familien haben halt nicht so eine Lobby wie Banker und Co.

    Willkommen in der Bananenrepublik.

  6. Simon on Oktober 11th, 2011 16:42

    Die „Abwanderung“ der jungen Generation kann man überall beobachten. Auch im Raum Köln bleibt der Nachwuchs aus. Und das obwohl viele Jugendliche zuerst interessiert an der Arbeit bei der Feuerwehr sind. Allerdings kann man diese Begeisterung leider nicht lange halten.

  7. locco on Oktober 12th, 2011 10:39

    Die Schwierigkeit liegt doch darin, wie kann das Ehrenamt für jüngere Attraktiver gemacht werden. Gerade im Rettungsdienst stellt sich doch jeder vernünftige Mensch die Frage, warum er seine Gesundheit in seiner Freizeit gefährden soll? Wenn man die Risiken betrachtet, ist es doch naheliegend diese zu vermeiden. Sicher, bestimmte Sportarten bergen auch hohe Risiken, aber erfordern nicht den hohen persönlichen Einsatz wie das Ehrenamt. Warum sollten sich junge Menschen also derart engagieren, wenn Schule, Uni, Job und Familie bereits einen hohen persönlichen Einsatz erfordern? Wieso sollten sich Personen engagieren, wenn sie gegen Windmühlen ankämpfen müssen, wenn sie etwas verändern wollen? Jeder der in einer Hio aktiv ist, kennt die Profilneurotiker in entscheidenden Position.

    Der Auftritt fast jeder Organisation ist nach Außen hin gut. Im Innern sieht es da oft anders aus. Die Organisationen müssen sich also nicht nur darum kümmern, die Generation 50+ zu motivieren, sondern auch darüber nachdenken, wie die Generation 50- sich engagieren kann/darf, ohne neben Job und Familie überfordert zu werden.

  8. Olaf on Oktober 19th, 2011 21:17

    Ehrenamt im Rettungsdienst???
    Sollte man in einem Bereich, der medizinisch immer spezifischer und höherwertiger wird, nicht langsam mal anfangen, gerade den Rettungsdienst zu professionalisieren?
    Da hat keiner was verloren, der alle zwei Wochen mal am Wochenende fährt und vielleicht auch noch über fünfzig ist. Wie will denn ein Frührentner jemand anderes runtertragen? Sorry an die Ü50er, aber wir wissen alle, dass der Job körperlich fordernd sein kann. Und wenn ich sehe, was am Wochenende für „Spezialisten“ fahren, möchte ich denen lieber nicht in die Hände fallen.
    Und wir wissen auch alle, dass Ehrenamtliche die heilige Kuh der Geschäftsführer sind und die Qualität nur leider allzu oft hinter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zurückstecken muss. Das fängt schon bei Nachtschicht- und Wochenend-Zulagen an. Da wird leider gerne in Kauf genommen, wenn mal was schief läuft und Beschwerden unter den Tisch gekehrt… Darüber sollte die Politik mal nachdenken! Würde auch jede Menge Arbeitsplätze schaffen und damit auch Einnahmen für den Staat.

  9. Jörn on Oktober 20th, 2011 10:41

    @Olaf: Ein klassisches Eigentor haben Sie sich gerade geleistet!

    Wenn wir – und da stimme ich Ihnen voll zu – den Rettungsdienst weiter professionalisieren wollen, dann geht es in der Tat nur mit hauptamtlichem Fachpersonal und nicht, wie bisher bei den HiOrgs und manchen Privaten, mehr mit „Hobbyrettern“, deren Qualifikation ich keinesfalls anzweifeln möchte. Aber neben der Qualifikation gehört auch der Erfahrungsschatz dazu! Im Gegensatz zu Piloten der Luftwaffe, des Heeres und der BPOL müssen Rettungsassistenten in aller Regel auch noch mit 65, vielleicht sogar mit 67 arbeiten, um ihre volle Rente bzw. Pension zu bekommen. Deshalb ist Ihr Hinweis, dass Ü50-Jährige im R/KTP nichts (mehr) zu suchen hätten, völlig kontraproduktiv und widerspricht Ihrem berechtigten Anliegen!

    (M)Ein Lösungsvorschlag: a) ehrenamtliches Rettungsfachpersonal nur noch ausnahmsweise als 1. oder 2. Mann im Regel-RD einsetzen, b) arbeitnehmerfreundliche Schichtmodelle erarbeiten (lassen) und verpflichtend UMSETZEN, c) Fitnessprogramme für Arbeitnehmer anbieten bzw. die Teilnahme daran einfordern bzw. finanziell unterstützen, d) Rettungsdienstleiter und RDG/KV-Geschäftsführer, ggf. ehrenamtliche Vorstände/Aufsichtsräte/Gesellschafter auf entsprechende Fortbildungen schicken, e) Rettungsdienst kommunalisieren/Krankentransport(e) privatisieren.

    Besonders bissige Grüße aus dem nicht kommunalen Südwesten

  10. locco on Oktober 20th, 2011 15:27

    @Jörn und Olaf: Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Nicht jeder Artikel hier im Netz tummelt sich explizit um den Hauptamtlichen Rettungsdienst. Eine Professionalisierung des RD steht hier doch gar zur Disposition. Hier geht es um Institutionen des Bevölkerungsschutzes. Hier sind nun mal aufgrund der demografischen Entwicklung neue Wege zur Aufrechterhaltung des Personalstamms notwendig.

  11. Jörn on Oktober 20th, 2011 17:11

    @locco: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil! Das greife ich gerne auf! Ich habe den Ursprungstext genau gelesen – und auch die Kommentare dazu. Deshalb habe ich auch nur Olaf geantwortet… 😉

    Sonnige Grüße aus dem Südwesten

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