Computerprogramm sagt Amokläufe vorher


Risikoanalyse mit DyRiASDarmstadt (ots/rd.de) – Das Online-Programm eines Darmstädter Kriminalpsychologen kommt potenziellen Amoktätern auf die Spur – erste Schulen setzen die Software bereits ein.

Bevor ein Jugendlicher zum Amokläufer wird, gibt es oft eindeutige Signale. Das Computerprogramm DyRiAS („Dynamisches Risiko Analyse System“) des Darmstädter Kriminalpsychologen Jens Hoffmann kann diese Signale zuverlässig aufspüren. Darüber berichtet die neue Ausgabe des Magazins GEO WISSEN zum Thema „Entscheidung und Intuition“.

Das Programm stellt 32 Fragen – etwa: Hat sich der Schüler positiv über Gewalttäter geäußert? Beschäftigt er sich mit dem Tod? Steht ein für ihn kritisches Ereignis bevor?

DyRiAS vergleicht dann mittels einer mathematischen Analyse, ob ein auffälliger Schüler eine ähnliche Konstellation aufweist wie bisherige Amokläufer. Wird der Betreffende für ganz oder zumindest vorläufig ungefährlich eingeschätzt, erscheint in einem Risikoreport ein grüner oder gelber Balken. Droht Gefahr, ist der Balken rot. In einem solchen Fall sollen Lehrer den Schüler im Auge behalten oder die Polizei einschalten.

Der Fragenkatalog von DyRiAS hilft bei der Bewertung von Beobachtungen.

Der Fragenkatalog von DyRiAS hilft bei der Bewertung von Beobachtungen.

In diese Berechnung sind alle deutschen Amokläufe sowie Fälle aus Finnland und den USA eingeflossen. Für alle Amokläufer der letzten Jahre hat DyRiAS in nachträglichen Tests eine korrekte Prognose erstellt. Auch angesichts der Vorgeschichte des 17-Jährigen, der im März 2009 im schwäbischen Winnenden 13 Menschen erschoss, gab das Programm einen eindeutigen Warnhinweis.

DyRiAS ist aber kein Screeningverfahren. Man wird also nicht alle Schüler mit DyRiAS durchleuchten. Deshalb ist das Online-Befragungssystem auch nur ein Baustein auf dem Weg deutsche Schulen sicherer zu machen. Entscheidend ist, dass Lehrer und Sozialarbeiter verdächtige Verhaltensmuster rechtzeitig erkennen.

„Die Nutzung von DyRiAS ist an eine zweitägige Schulung gebunden“, erklärt Diplom Psychologin Karoline Roshdi vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement auf Anfrage von Rettungsdienst.de. „Die Schulung folgt der aktuellen Philosophie des Bedrohungsmanagements und stellt auf die «drei E´s“» ab: erkennen, einschätzen, entschärfen.“ Ein bis zwei Lehrer sollen für die Anwendung von DyRiAS lizensiert werden, aber ebenso wichtig ist es, dass das Lehrerkollegium sensibilisiert wird und Warnsignale erkennen kann. „Die Lehrer müssen wissen, wo sie hingucken müssen.“

Eine Kultur des Hinschauens

Bei den untersuchten Fällen gab es eigentlich immer Schüler, die etwas gewusst haben – manchmal ahnten auch Lehrer etwas. Karoline Roshdi ist sich sicher: „Schulen benötigen eine Kultur des Hinschauens. Dabei sollte man aber nicht allein auf Amokrisiken abstellen, sondern auch Themen wie Mobbing, Drogen und Gewaltprävention mit ins Visier nehmen.“ Damit ein System zur Gewaltprävention funktioniert, müssen Schüler und Lehrer wissen, an wen sie sich mit ihren Beobachten werden können.

Das Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement empfiehlt daher eine Einbettung von DyRiAS in ein schuleigenes Krisenteam Gewaltprävention. Hierfür bietet die  Psychologische Beratungsfirma weitergehende Seminare unter der Überschrift „System Sichere Schule“ an.

Bei der Finanzierung von DyRiAS und den erforderlichen Schulungsmaßnahmen ergibt sich derzeit ein uneinheitliches Bild. Neben Schulen, die über ein eigenes Budget entscheiden können, kommt auch eine Zusammenarbeit mit der Unfallkasse oder Mittel eines Fördervereins in Betracht. Die Schulungen für das „System Sichere Schule“ wurden im Saarland bereits flächendeckend umgesetzt und man kann nur hoffen, dass diese Idee in anderen Bundesländern Nachahmung findet.

Mehr Information: www.institut-psychologie-bedrohungsmanagement.de

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