Bessere Risikoabschätzung bei Großveranstaltungen


Bonn (rd.de) – Viel mehr als Erfahrungswerte und Schätzungen liegen der Risikoabschätzung bei Großveranstaltungen kaum zu Grunde. Die innovativen Forschungsvorhaben des Bundes und privater Träger kommen für die Opfer der Loveparade zwar zu spät, könnten aber künftig zu mehr Sicherheit führen.

Die meisten Kommunen und Stadtverwaltungen werden bei der Genehmigungspraxis von Großveranstaltungen erst aus Erfahrung schlau. Für die Bewegung der zuströmenden und abströmenden Besuchermassen gibt es im Moment allerdings noch keine allgemeingültigen Simulationsmodelle.

Für die Planung des Sanitätsdienstes ist das so genannte Maurer-Schema eine der gängigen Methoden einer Gefährdungseinschätzung. Die Risikoberechnung basiert im Wesentlichen aus der Zahl der maximal zu erwartenden Besucher, der Art der Veranstaltung und weiteren besonderen Begleitumständen, die in die Berechnung einfließen können. Mit dem daraus zu ermittelnden Risikopunktwert lassen sich die erforderlichen Einsatzkräfte und Fahrzeugeinheiten für einen Sanitätsdienst hochrechnen. Die Erfahrungen von Duisburg zeigen jedoch, dass Rettungskräfte alleine eine Katastrophe nicht verhindern.

Menschenströme in Bewegung

Nun sehen sich die zahlreichen Veranstalter mit einem größeren Sicherheitsinteresse der genehmigenden Behörden konfrontiert. Probleme bereitet die Frage nach der Berechnung der Kapazitäten von Zuwegen, Flucht- und Rettungswegen. Für eine realitätsnahe Simulation brauchen die Forscher zunächst die echten Bewegungsdaten und Laufwege von Menschen. Gleich mehrere Forschungsprojekte arbeiten genau an dem Punkt, der den Veranstaltern der Loveparade zum Verhängnis wurde.

Das Bundesforschungsministerium finanziert in diesem Zusammenhang das Projekt EVA, in dessen Rahmen für Großveranstaltungen abgestimmte Konzepte zur Planung, Bewertung, Evakuierung und Rettung interdisziplinär entwickelt und mittels Simulationen validiert werden sollen. Dazu sollen Erfahrungsberichte und zusätzliche Dokumentationen der Feuerwehr über das Verhalten von Personengruppen in Bewegung genutzt werden, um die Simulationsmodelle den realen Verhaltensweisen anzupassen. Bei der Loveparade in Duisburg war ein Katastrophenforscher vor Ort. Dr. Dirk Oberhagemann vom der Vereinigung zur Förderung des vorbeugenden Brandschutzes (vfdb) filmte für das EVA-Projekt von einem Hochhaus aus die Bewegungsbilder der Menschenmenge auf der Unglücksrampe und wurde so Zeuge der Tragödie.

Acht bis zehn Personen pro Quadratmeter

In seiner schriftlich veröffentlichte Analyse berechnete er die maximale Personendurchflussmenge des Unglückstunnels auf 57.600 Personen pro Stunde. Gegen 14.00 Uhr lag der Fluss noch bei 33.000 Menschen. Für 16.00 Uhr berechnete Dr. Oberhagemann im Tunnel eine Personendichte von 3,5 Personen pro Quadratmeter. Vier Personen gelten als Grenze. Oberhalb dieses Wertes kommt es zum riskanten Gedränge. An Treppe und Container verdichteten sich zum Unglückszeitpunkt die Menschenmassen in einen kritischen Bereich: „Die extremen Personendichten von acht bis zehn Personen pro Quadratmeter sind auf lokale Bereiche mit einer Fläche von vielleicht 20 bis 25 Quadratmetern begrenzt. In diesen Zellen können jetzt dauerhaft Drücke von 15 bar entstehen, die unweigerlich zum Ersticken führen“, kommentiert der Wissenschaftler seine Beobachtungen.

Die Beobachtungen zeigen, dass selbst die Simulation eines Bewegungsbildes und die Berechnung von Wegekapazitäten allein noch nicht reichen, um lokale Einflüsse auf das Bewegungsverhalten und daraus resultierende Risiken sicher zu erkennen.

Schneller evakuieren, rechtzeitig reagieren

Mit der schnellen Räumung von geschlossenen Bauwerken befasst sich das Forschungsprojekt REPKA, an dem unter anderem das Fraunhofer IIS beteiligt ist. So sollen Personen künftig schneller aus einer Gefahrenzone in Sicherheit gebracht werden. Im Rahmen des Forschungsprojektes REPKA entwickeln die Forscher ein Wegweisersystem für Handys und Smartphones, das den schnellsten Weg aus einer Gefahrenzone kennt. Nächstes Jahr soll in einem praktischen Versuch das Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern evakuiert werden.

Ebenfalls mit dem Verhalten von Menschenmassen in Bewegung befasst sich die Stadt Köln mit zahlreichen Partnern im Rahmen des Verbundprojekts „VerSiert“. „VerSiert“ steht für „Vernetzung von Nahverkehrsgesellschaften, Einsatzkräften, Veranstaltern und Fahrgästen für Sicherheit im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) bei Großveranstaltungen“. Dabei geht es um die Abschätzung der räumlichen Enge in Verkehrsmitteln sowie an Haltestellen und beim Umsteigen.

Eine Millionen Besucher der Veranstaltung „Kölner Lichter“ waren im Juli 2010 unbemerkt unter wissenschaftlicher Beobachtung. Am Kölner Hauptbahnhof wurden die Besucherströme analysiert, um Erkenntnisse zur Vermeidung von Engpässen und daraus resultierenden Risiken zu erhalten. Ziel ist es, aktuelle Bewegungsbilder zu nutzen, um eine Vorhersage zu treffen, die den Einsatzleitern Zeit gibt, noch rechtzeitig auf eine sich ankündigende Gefährdungssituation zu reagieren.

Die Ergebnisse dieser Forschungsvorhaben werden Planungsfehler leichter erkennen lassen. Kein Trost für Angehörige von Opfern der Loveparade 2010, aber eine Erleichterung für Veranstaltungsplaner und Behörden, um Sicherheitskonzepte in Zukunft nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft prüfen zu können.

(17.08.2010)

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