„Ausländische“ Patienten: Missverständnisse sind vermeidbar


Bremen (rd.de) – Patienten mit ausländischen Wurzeln gehören in Deutschland im Notarzt- und Rettungsdienst zum präklinischen Alltag. Um zu verstehen, welche Lücken in der Aus- und Fortbildung der Einsatzkräfte klaffen und wie brisant das Thema „Ausländer im Rettungsdienst“ ist, wurde zwischen dem 15. November 2013 und dem 1. März 2014 eine bundesweite Online-Umfrage durchgeführt. Hier die Ergebnisse.

107 Personen nahmen an der Umfrage teil. Ein Viertel der Befragten empfinden Einsätze mit Patienten ausländischer Abstammung als „unproblematisch“ (4%) oder „eher unproblematisch“ (21%). Mehr als ein Drittel jedoch stuft sie als „problematisch“ (9%) oder zumindest „eher problematisch“ (30%) ein.

Dabei scheinen es weniger die Patienten selbst zu sein, die als „störend“ empfunden werden (6%). Ein deutlich größeres Problem sind für die an der Umfrage Teilnehmenden die Angehörigen: Sie werden von 77 Prozent der Einsatzkräfte als störend bezeichnet. Bemerkenswert ist, dass sich Einsatzkräfte kulturellen und religiösen Einflüssen „stets“ (65%) oder „eher selten“ (32%) bewusst sind.

Aus- und Fortbildung verbessern

Eine Ursache für Probleme und Missverständnisse bei derartigen Einsätzen ist vor allem auf Seiten der Aus- und Fortbildung von Rettungsfachkräften bzw. Notärzten zu suchen: Zu einem Großteil (78%) wurden die Teilnehmenden im Rahmen ihrer Ausbildung oder ihres Studiums nicht für Einsätze mit ausländischen Patienten bzw. Patienten ausländischer Abstammung ausgebildet. Lediglich ein Fünftel hat eine dahingehende Fortbildung besucht. Die Frage, ob eine gezielte Aus- und Fortbildung für den Einsatz mit Patienten ausländischer Herkunft sinnvoll sei, gaben 47 Prozent der Teilnehmer an, sie würden dies als „unbedingt einsatzerleichternd“ einschätzen. 43 Prozent schätzen, es könnte „vielleicht einsatzerleichternd“ sein.

Untermauert wird die Problematik durch die geringe Auslandserfahrung: Von den überwiegend deutschstämmigen Umfrage-Teilnehmern verfügten 65 Prozent über „keine“ bzw. 4 Prozent über „geringe“ berufliche Auslandserfahrung. Englisch beherrschen nach eigenen Angaben 36 Prozent „fließend“ oder konversationssicher (48%). Türkisch wird, obwohl dies die statistisch am häufigsten von ausländischen Patienten gesprochene Sprache ist, hingegen kaum (3%) beherrscht.

„Mögliche Ansatzpunkte sind die Integration, Überarbeitung und Ergänzung der entsprechenden Curricula durch interkulturelle Sensibilisierungs- und Einsatztrainings in der notärztlichen und rettungsdienstlichen Aus- und Fortbildung“, erklärt Dr. Carl Machado, der die Umfrage durchführte. Ein weiterer Ansatzpunkt könne die obligatorische Hospitationspflicht in ausländischen Rettungsdiensten sein, um Fremdsprachkenntnisse zu verfestigen, den eigenen Horizont zu erweitern und andere Systeme kennenzulernen. Aufgrund kultureller und religiöser Einflussfaktoren sollte auch der verstärkte Einsatz bi-geschlechtlicher Teams sowie die Anwerbung von Personen mit zusätzlichen Fremdsprachenkenntnissen und kulturellem Wissen in Erwägung gezogen werden, so Dr. Carl Machado

Dr. Carl Machado forschte im Rahmen seiner Promotion an der Friedrich-Schiller Universität bereits mehrere Jahre zu diesem Thema. Bei der aktuellen Umfrage ging es um eine erweiterte Bestandsaufnahme. Teilnehmen konnten sowohl Ärzte als auch Rettungsdienst-Mitarbeiter aller Qualifikationsstufen. Ziel war die Erfassung eines Stimmungsbildes, nicht die Durchführung einer repräsentativen Umfrage. Die Ergebnisse wurden unter anderem dem deutschen Fakultätentag (der das Curriculum der Medizinerausbildung begleitet), der Bundesärztekammer sowie den Rettungsdienstabteilungen großer Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt.

Die Ergebnisse der Umfrage sind hier kostenlos abrufbar.

(Text: Lars Schmitz-Eggen; 05.05.2014)

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