Anästhesisten diskutieren Zukunftsfragen


Leipzig (DGAI/rd.de) – Vom 9. bis 12. Mai 2009 trafen sich die Anästhesisten in Leipzig auf der 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und diskutierten Zukunftsfragen ihres Fachbereichs, die auch für den Rettungsdienst von Bedeutung sind.

Im Rettungsdienst ist der Anästhesist als Allrounder kaum noch weg zu denken. Historisch betrachtet dominierte der Anästhesist nicht immer im Notarztdienst. Geboren aus der Idee der akuten Unfallhilfe, konzentrierte sich der moderne Rettungsdienst besonders auf Verkehrs- und Arbeits-Unfälle. Der Einsatz von Unfallchirurgen war üblich. Doch die tatsächliche Breite des Einsatzspektrums im Rettungsdienst machte den Anästhesisten zunehmend interessant.

Nachwuchs sichern

Dr. Jürgen Schüttler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, machte sich Gedanken zu Fragen des Facharztnachwuchses bei den Anästhesisten.

Dr. Jürgen Schüttler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, machte sich Gedanken zu Fragen des Facharztnachwuchses bei den Anästhesisten.

Die Qualität der rettungsdienstlichen Versorgung ist heute sicher auch ein Verdienst der Anästhesie. Professor Dr. med. Dr. h.c. Jürgen Schüttler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, ging in seinem Vortrag der Frage nach, wie es um den Anästhesistennachwuchs in Deutschland bestellt ist. Dabei stützte er sich auf eine Untersuchung mit dem Titel: „Gehen Deutschland die Anästhesisten aus…?“, erarbeitet von Professor Dr. Gisbert Knichwitz, Chefarzt der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Malteser-Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg und Dr. Markus Wenning, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe in Münster.

Das Ergebnis gibt nur zum Teil Anlass zur Entwarnung: Voraussichtlich werden altersbedingt bis 2012 rund 1 250 berufstätige Fachärzte aus dem Gebiet Anästhesiologie ausscheiden. Zeitgleich werden etwa 4 500 neue Fachärzte ihre Prüfung abschließen. „Das bedeutet, dass auf jeden aus Altersgründen ausscheidenden Facharzt vier neue Kolleginnen und Kollegen kommen“, resümiert Schüttler. Weniger begünstigend sind allerdings Faktoren wie die Abwanderung von Fachärzten ins Ausland. Weiterhin weist Dr. Jürgen Schüttler darauf hin, dass bereits 2010 die Hälfte der Anästhesisten weiblich sein wird. Besonders weibliche Fachärzte erzeugen aber eine Nachfrage nach Teilzeitstellen – ein Umstand dem die Personalpolitik der Krankenhäuser folgen sollte.

Bei der Frage der Nachwuchsgewinnung verweist Schüttler auf die gute Wirkung von Simulatorentrainings an den medizinischen Fakultäten. Das sei ein Angebot, was von den Studierenden nicht nur sehr gut angenommen wird, sondern das Image der Anästhesie insgesamt deutlich verbessert.

Rationierung der Intensivmedizin

Eine weitere Diskussion befasst sich mit der unterschwelligen Rationierung in der Intensivmedizin.

Professor Dr. med. Joachim Boldt, Kongresspräsident des DAC 2009, wünscht sich eine offene Diskussion um Fragen der Rationierung intensivmedizinischer Maßnahmen.

Professor Dr. med. Joachim Boldt, Kongresspräsident des DAC 2009, wünscht sich eine offene Diskussion um Fragen der Rationierung intensivmedizinischer Maßnahmen.

Professor Dr. med. Joachim Boldt, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Klinikum Ludwigshafen startete eine Umfrage. Für diese Umfrage schrieb das Forscherteam 1 000 Intensivstationen in Deutschland an. Mehr als die Hälfte davon beantwortete den Fragebogen. „Die hohe Beteiligung zeigt, welch große Bedeutung das Thema im klinischen Alltag hat“, unterstrich Dr. Boldt.

67 Prozent der Befragten zeigten sich überzeugt, dass es bereits heute Rationierungen auf Intensivstationen gibt. Nur klare Regeln, wann ein teure Therapie abgesetzt wird, fehlen. Aus diesem Grund fordert Dr. Joachim Boldt das Thema der Beschränkung medizinischer Leistungen offen zu diskutieren: „Kein Gesundheitswesen funktioniert ohne Rationierung. […] Das Thema zum Tabu zu erklären, hilft keinem.“

Die Mittelknappheit zwinge zur Ökonomie. Ethik schlägt Arithmetik, dass gelte heute nicht mehr uneingeschränkt. Nach dem im Ausland durchaus zu Rate gezogenen Instrument der „QALY´s – Quality Adjusted Life Years“, werden die Behandlungskosten zu einem Jahr mit ordentlicher Lebensqualität in Beziehung gesetzt. Im Großbritannien, so führt Dr. Boldt aus, scheint ein Lebensjahr 45.000 Euro wert zu sein. Nur wer will entscheiden, was Leben kosten darf?

Ein negatives Beispiel für die Rationierung, ist das klein halten der Intensivbettenzahl, um Kosten zu senken. 35 Prozent der Befragten gaben an, dass Patienten wegen fehlender Bettenkapazität abgewiesen wurden. „Es darf nicht sein, dass Krankenwagen mit einem Schwerverletzten von Klinik zu Klinik fahren, weil keine Intensivstation ein Bett frei hat.“ Ohne feste Regeln zur Rationierung würde dann ausgerechnet den Patienten die Hilfe versagt, die sie am dringendsten brauchen, tadelte Dr. Boldt.

Mehr Information: www.dac2009.de

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