An mögliche Kindesmisshandlung denken


Berlin (DKOU) – Viele Kinder, die körperlich misshandelt worden sind, benötigen ärztliche Hilfe. Der wahre Grund der Verletzung wird jedoch sowohl gegenüber dem Rettungsdienst als auch dem behandelnden Arzt verschwiegen. Vor allem das Rettungsteam sollte deshalb sensibilisiert sein. Wie Misshandlungen nachgewiesen und die Verletzungen für spätere Gerichtsverfahren dokumentiert werden können, ist auch ein Thema des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin.

Das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit und Jugend ist in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegt. Laut einer UNICEF-Studie werden in Deutschland jährlich trotzdem 157.000 Kinder misshandelt – und das quer durch sämtliche gesellschaftlichen Schichten.

„Beim Arztbesuch werden die wirklichen Ursachen der Verletzungen dann verschwiegen“, sagt Professor Dr. med. Dietmar Roesner, Direktor der Klinik Poliklinik für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden. Rettungsdienst und Ärzte schöpfen zuweilen aber Verdacht, wenn die Verletzungen ungewöhnlich sind oder die Schilderung des vermeintlichen Unfallhergangs nicht zu den erlittenen Verletzungen passt.

„Dann ist eine systematische Untersuchung notwendig, die sich nicht nur auf die reine Untersuchung des Körpers beschränken darf“, fordert Dr. med. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. Dies ist dann zwar nicht mehr Aufgabe des Rettungsdienstes. Das Rettungsfachpersonal kann wohl aber dem aufnehmenden Klinikarzt Hinweise auf das häusliche Umfeld geben und auf ungewöhnliche Verletzungen aufmerksam machen.

Das weitere Vorgehen obliegt dann der Klinik. „Einige knöcherne Verletzungen können nämlich bei der Untersuchung übersehen werden“, ergänzt Roesner. „Nicht selten sind auf den Röntgenbildern zusätzlich ältere Verletzungen sichtbar. Denn Knochenbrüche verheilen, in Abhängigkeit vom Kindesalter, erst nach einigen Wochen“, so Roesner. Am Verlauf der Knochenheilung können Experten das Alter der Verletzung gut bestimmen.

Für eine Kindesmisshandlung spricht beispielsweise, wenn mehrere Knochenbrüche im unterschiedlichen Stadium der Heilung gefunden werden. Auf ein so genanntes „Babygramm“ – eine einzige Röntgenaufnahme des gesamten Körpers – wird heute auch bei kleinen Kindern verzichtet. Aussagekräftiger sind nach Auskunft von Roesner gezielte Aufnahmen. Sonst könnten Spuren der Misshandlung an den Enden der Röhrenknochen in der Nähe der Wachstumsfugen übersehen werden.

Auch Brüche des Oberarm- oder des Oberschenkelknochens sind bei kleinen Kindern selten Folge eines Unfalls. Rippenbrüche im Kleinkindesalter zeigen meist an, dass ein Kind körperlich misshandelt wurde. Die häufigen Attacken gegen den Kopf sieht man am besten in der Computer- oder Kernspintomografie. Roesner: Hier werden auch typische Blutungen im Schädelinneren sichtbar, als Folgen eines Schütteltraumas. Im schlimmsten Fall kommt es zum Rückgang der Hirnmasse.

Die Diagnose wird nicht von einem Facharzt allein gestellt. Die Beurteilung erfolgt stets durch ein Gremium verschiedener Fachärzte – vom Unfall- und Kinderchirurgen bis hin zu Kinderradiologen, Rechtsmedizinern und Orthopäden.

„Die bildgebenden Verfahren wie Röntgenaufnahmen, Ultraschalluntersuchungen, Computer- und Kernspintomographie, sind jedoch die wichtigsten Beweise, falls es zu einer Gerichtsverhandlung kommt“, sagt Roesner. Deshalb ist besondere Sorgfalt erforderlich. Die Aufnahmen müssen höchsten Qualitätsanforderungen gerecht werden.

Verweigern können Eltern solche Untersuchungen übrigens nicht. Die Kindesmisshandlung gehört sogar zu den wenigen Fällen, in denen der Arzt seine Schweigepflicht brechen darf, wenn die künftige Gefahr für das Kind nicht auf anderem Wege abgewendet werden kann.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auch hier: www.kindesmisshandlung.de.

(17.08.2009)

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