25. Jahrestag des Atomunfalls von Tschernobyl


Arbeiter, die nach der Explosion einen Sarkophag über den Reaktor bauten. Foto: CHNPPBremen (rd.de) – Der Reaktorunfall von Tschernobyl gilt bis heute als schwerster Zwischenfall in einem Atomkraftwerk weltweit. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO starben damals rund 50 Menschen an den unmittelbaren Folgen einer zu hohen Strahlung. Tausende weiterer Opfer kamen in den folgenden Monaten und Jahren hinzu. Angesichts des 25. Jahrestages der Katastrophe und den aktuellen Vorgängen rund um das Atomkraftwerk Fukushima in Japan, rückt Tschernobyl und seine Folgen verstärkt in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Ein Rückblick.

Für den 25. April 1986 stand in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl (Ukraine, damals Sowjetunion) eine planmäßige Revision an. Ziel war es unter anderem, einen wichtigen sicherheitstechnischen Versuch nachzuholen, der bei der Inbetriebnahme des Kraftwerks fehlgeschlagen war. Es sollte unter Beweis gestellt werden, dass bei einem Ausfall der elektrischen Energieversorgung die auslaufenden Turbinen noch so viel Energie erzeugen könnten, um die zur Kühlung des Reaktors erforderlichen Pumpen zu betreiben.   

Um den Versuch durchzuführen, war geplant, den Reaktor erst mal auf 20 bis 30 Prozent seiner Leistung herunterzufahren und anschließend komplett abzuschalten. Deshalb begannen die Techniker, die Reaktorleistung am 25. April ab 01:00 Uhr auf 50 Prozent zu drosseln. Dann aber stellte sich heraus, dass der Reaktor doch noch für eine ausreichende Energieversorgung im Netz benötigt wurde. Deshalb hielt man ihn für weitere 20 Stunden mit halber Leistung in Betrieb.

Verstoß gegen die Betriebsvorschriften

Nach einem Schichtwechsel des Betriebspersonals wurde der Reaktor weiter heruntergefahren. Dabei wurde offenbar versehentlich der vorgesehene Leistungsbereich unterschritten. Gegen Mitternacht (26. April) fiel die Leistung dadurch auf null ab. Der gesamte Versuch drohte zu scheitern. Die Betriebszulassung stand damit auf dem Spiel. Deswegen musste unbedingt die Leistung wieder hochgefahren werden. Um dies zu erreichen, fuhr man die Steuerstäbe aus dem Reaktor – ein Verstoß gegen die Betriebsvorschriften, wie später zugegeben wurde. Immerhin aber gelang es so, den Reaktor zunächst zu stabilisieren.   

Exakt um 01:23 Uhr leiteten die Betriebsangestellten am Morgen des 26. April 1986 dann den Versuch wie vorgesehen ein. Dass sich der Reaktor zu diesem Zeitpunkt in einem sehr instabilen Zustand befand, wurde ignoriert.

Als die nach Versuchsanordnung vorgesehene Kühlung nicht ausreichend erfolgte, kam es etwa 40 Sekunden später zu einer automatische Abschaltung des Reaktors. Durch Verkettung unglücklicher Zustände stieg die Leistung dennoch, sodass es zu einer Explosion kam, die unter anderem die rund 3000 Tonnen schwere Deckelplatte des Reaktors anhoben und das Reaktorgebäude zerstörte.

Unmittelbar wurde Radioaktivität in die Umwelt abgegeben. Freigelegtes Graphit geriet in Brand und konnte nur mit enormem Aufwand gelöscht werden. Die Radioaktivität gelangte hoch in die Atmosphäre und wurde durch die Thermik nicht nur in das heutige Russland und Weißrussland, sondern vor allem nach Skandinavien und auch Deutschland getragen. Erst nachdem es am 6. Mai 1986 gelang, den Reaktor zuzuschütten, konnte die Freisetzung weitgehend gestoppt werden.

Gesundheitliche Folgen bis heute

Mehr als 200.000 Quadratkilometer wurden damals radioaktiv verseucht. Noch heute leben fünf Millionen Menschen im kontaminierten Gebiet in der Ukraine und in Weißrussland. „Dem eigentlichen Unfall folgte ein humanitärer Super-GAU“, sagt Max Santner, Leiter der Internationalen Hilfe beim Österreichischen Roten Kreuz. „Nach wie vor leiden tausende Menschen an den gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen.“
 
Das Rote Kreuz unterstützt die Opfer der nuklearen Katastrophe schon seit mehr als 20 Jahren. Medizinische Teams fahren mit mobilen Labors in Dörfer, die im verseuchten Gebiet liegen. Jedes Jahr werden 90.000 Menschen auf Krankheiten untersucht, die durch die Verstrahlung hervorgerufen werden. Allein von den Rotkreuz-Ärzten sind mehr als 170.000 Fälle von Schilddrüsenerkrankungen diagnostiziert worden, mehrere tausend Patienten mussten operiert werden.

„Viele Menschen, die in den Kliniken untersucht werden, sind jünger als 20 Jahre“, sagt Santner. „Diese Jugendlichen waren zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht einmal noch geboren. Das verdeutlicht die dramatischen Folgen für die Gesundheit. Fest steht, dass die Menschen in der Region noch lange Zeit Hilfe benötigen werden.“

Weitere Informationen:
http://www.osti.gov/energycitations/purl.cover.jsp?purl=/381695-r6uBZL/webviewable/ Bericht über die Langzeitfolgen der Tschernobyl-Katastrophe
http://www.chnpp.gov.ua/eng/index.php?lng=en Offizielle Homepage des AKW Tschernobyl
http://www.chornobyl.in.ua/en/index.htm Fotodokumentation

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