„Hilfe für Helfer“ in Eschede


Bonn (BBK/rd.de) – Auf den Tag genau vor zehn Jahren verunglückte in Eschede der ICE „Conrad Wilhelm Röntgen“. 99 Reisende und zwei Gleisarbeiter kamen bei diesem Zugunglück ums Leben, 108 Personen wurden verletzt. Etwa 2000 Einsatzkräfte waren damals am 3. Juni 1998 im Einsatz; einige haben die Erlebnisse bis heute nicht verarbeiten können. Ihnen steht die Aktion „Hilfe für Helfer“ zur Seite.

Für die Überlebenden, Angehörigen und Hinterbliebenen eines Unglücks ist diese Art der Betrachtung zusätzlich schmerzlich, für viele Außenstehende irritierend, im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz aber gängig: Jeder Großschadensfall oder jede Katastrophe gibt wichtige Impulse für die fachliche Weiterentwicklung der Hilfeleistung. Durch das ICE-Unglück in Eschede wurde die „Hilfe für Helfer“ in Deutschland etabliert, in der Folge auch über ein vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe initiiertes Forschungsprogramm.

Fast eine Woche dauerten die Rettungs-, Bergungs- und Aufräumarbeiten beim ICE-Unglück in Eschede. Eingesetzt waren dabei zirka 2.000 Einsatzkräfte, die im Umkreis von 200 km alarmiert worden waren. Viele waren ehrenamtlich tätig. Erstmals nach einem Großschadensereignis wurde in Eschede ein umfangreiches und dauerhaftes Unterstützungsangebot für Einsatzkräfte etabliert. Mit Mitteln des Bundes und des Landes Niedersachsen und später auch der Deutschen Bahn AG konnte eine „Koordinierungsstelle Einsatznachsorge“ eingerichtet werden, die anderthalb Jahre hindurch für die Helfer und ihre Angehörigen Informationen, Einzelgespräche oder Gespräche in Gruppen anbot und, bei Bedarf, Kontakte zu Traumaexperten herstellte. Parallel dazu wurde auf der Grundlage der Erfahrungsauswertung ein Konzept zur Implementierung der psychosozialen Nachsorge in die Katastrophenschutzstrukturen entwickelt und zum Projektabschluss Ende 1999 dem Niedersächsischen Innenministerium als Empfehlung übergeben.

Die Einsatznachsorge wurde breit akzeptiert, etwa ein Drittel der in Eschede eingesetzten Helfer hat nach Einsatzende eine psychosoziale Beratung in Anspruch. Gleichzeitig wurde von Experten, insbesondere aus den Fachgesellschaften der Psychologie und Psychiatrie und den Psychologischen Instituten der Universitäten kritisch angemerkt, dass die vor Ort eingesetzte Helfernachsorge als junges Fachgebiet noch keine fundierte wissenschaftliche Absicherung habe.

Daraufhin reagierte das Bundesministerium des Innern, nicht zuletzt in Verantwortung für seine Bundeseinsatzkräfte, und initiierte 2002 über das heutige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ein umfassendes Forschungsprogramm zur psychosozialen Prävention, Vernetzung und Qualitätssicherung im Einsatzwesen.

Die Ergebnisse der ersten Forschungsarbeiten, an der sich insgesamt weit über 4.000 Einsatzkräfte aus Rettungsdienst, Feuerwehr, THW, Polizei, Bundeswehr und Katastrophenschutz aus dem gesamten Bundesgebiet beteiligten, liegen inzwischen vor und sind, auch als Zusammenfassung, im Internet unter www.einsatzkraft.de; www.psychosoziale-Notfallversorgung.de verfügbar.

Aber nicht nur im Bereich Forschung befasst sich das BBK mit psychosozialen Fragen und Themen. Daneben ist die zentrale Stelle der Bundesregierung zur Koordinierung von Nachbetreuungsmaßnahmen, Opfer- und Angehörigenhilfe für von schweren Unglücksfällen oder Terroranschlägen im Ausland betroffene Deutsche (NOAH) hier angesiedelt. Auch in Ausbildung und Training des BBK für Führungskräfte des Katastrophenschutzes haben psychologische Aspekte inzwischen einen festen Platz und werden verstärkt nachgefragt.

Um langfristig eine Qualitätssicherung der psychosozialen Notfallversorgung zu gewährleisten, bereitet das BBK derzeit gemeinsam mit den Bundesländern und Kommunen, Behörden und Organisationen des Katastrophenschutzes, Wissenschaftlern, einschlägigen Fachgesellschaften und Berufsverbänden, den Kirchen, Unfallversicherungsträgern, der Bundespsychotherapeuten- und Ärztekammer unter anderen die Verankerung von bundesweit verbindlichen Qualitätsstandards vor. Denn die Qualität der psychologischen und seelsorgerlichen Hilfe nach schweren Unglücken und Katastrophen war in der Vergangenheit nicht immer gewährleistet.

„Selbsternannte Heiler und Helfer finden hier leider immer noch Schlupflöcher, sich zu betätigen. Sie dürfen im Interesse der Betroffenen und unserer Helfer langfristig keine Chance mehr haben“ so Dr. Jutta Helmerichs, Referatsleiterin für Psychosoziale Notfallversorgung im BBK und Leiterin der Eschede-Einsatznachsorge.

Weitere Informationen unter www.bbk.bund.de In der aktuellen Ausgabe des Rettungs-Magazins (3/2008) können Sie ein umfangreiches Interview mit Dr. Jutta Helmerichs zum Thema ICE-Unglück und „Hilfe für Helfer“ lesen.

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